Für Liebe und Gerechtigkeit

Bersenbrück. „Seid ihr bereit für drei Tage Liebe und Gerechtigkeit?“, ruft der Moderator von der Bühne. Tausende Reggae-Fans jubeln im Chor und reißen die Arme in die Höhe. Ein eindeutiges „Jaaa!“ erklingt.

Bunte Strickmützen, Bob-Marley-Shirts, Pluderhosen, so weit das Auge reicht: Es gibt kaum passende Worte für die großartige Stimmung, die hier herrscht. Geschlossene Augen, lächelnde Gesichter, fröhliche Erwachsene und Kinder. Es wird nicht gerempelt, es wird nicht geschubst, hier herrscht Frieden trotz der Menschenmassen. Es ist ein erstaunliches und berührendes Bild.

Der Geruch: eine Mischung aus Tabak, Räucherstäbchen und Grillfleisch. Überall tönt es „Rastafaaarai.“

Reggae Jam ist wieder einmal ein voller Erfolg: Von Freitag bis Sonntag tanzen, wippen und liegen lässig Massen von Reggae-Fans im Klostergarten in Bersenbrück. Die anderen laufen im Stadtpark herum oder feiern auf dem Campingplatz. Er liegt direkt an der Hase, in die man springen kann, wenn man eine Abkühlung braucht. Das Wetter spielt zumindest am Freitag mit, die Sonne scheint, und nicht ein Tropfen Regen fällt vom Himmel, trotz der schlechten Wetterprognose. Am Samstag regnet es, am Sonntag ist es bewölkt. Leider, doch das scheint die Besucher überhaupt nicht zu stören.

In der Kleinstadt Bersenbrück findet Europas beliebtestes Reggae-Festival statt. In Internetabstimmun-gen des Magazins Riddim landet es immer wieder auf Platz eins der Beliebtheitsskala.

Zahlreiche Künstler aus Jamaika sind angereist. Veranstalter Bernd Lagemann, der das Festival seit 1994 organisiert, fliegt eigens auf die Karibikinsel, um sie zu engagieren. Das ganze Wochenende stehen auf zwei großen Bühnen knapp 30 Musiker und Bands, darunter Bryan Art, Sister Nancy, Don Corleon, Utan Green, Frankie Paul. Luciano ist am Freitagabend auch wieder mit dabei und begeistert die Massen.

Besonders gut kommt Sänger Hawkeye an. Der Dance-Hall-Mann hat sich eine schöne junge Frau in Rot auf die Bühne gezogen. „Ist sie nicht wunderschön?“, brüllt er. Das Mädchen lächelt verlegen.

Der Sänger singt ihr ein Liebeslied, obwohl er sie nicht einmal kennt. Wieder jubeln die Fans. Einige Frauen haben die Hände ineinandergefaltet und schwärmen. Vielleicht würden sie jetzt auch gern dort oben auf der Bühne stehen – angehimmelt von Tausenden Menschen.

Mit einem besonderen und humorvollen Poetry Dub warten die vier Jungs von No-Maddz („Nomaden“) auf. Sie tragen coole Ray-Ban-Sonnenbrillen und uniformen Haarschnitt. Doch ansonsten legen sie keinen besonderen Wert auf Einheitlichkeit: Auf einen bestimmten Musikstil wollen sie sich nicht festlegen – und genau das kommt richtig gut an bei den Fans.

Höhepunkt des Festivals soll in der Nacht vom Samstag zum Sonntag eigentlich Ky-Mani Marley werden. Er ist einer der Söhne der Regae-Legende Bob Marley. Doch der Schauspieler und Musiker hat sich beim jüngsten Auftritt in Rimini am Knie verletzt und kann deshalb nicht teilnehmen. Eine große Enttäuschung für viele Besucher. Doch auch das kann die Stimmung nicht trügen. Es ist, als wäre gar nichts geschehen: Es gibt Lichtermeere aus Tausenden von Feuerzeugen, riesige Jamaika-Fahnen tauchen den Platz in ein Farbenmeer aus Rot, Gelb und Grün. Es ist ein gelungenes Festival, auf das die Veranstalter und alle freiwilligen Helfer wirklich stolz sein können.

Vielleicht braucht dieses Festival gar keinen Topstar wie Ky-Mani Marley. Es hat 30 Stars, die drei Tage lang ein mitreißendes Musikprogramm machen.

Und dann gibt es da noch das folgende Bild: Ein paar Jungs und Mädchen sind auf den großen Baum geklettert, der mitten im Klostergarten steht. Die lassen die Beine baumeln und wippen im Takt zum Reggae. Sie haben eine fantastische Sicht auf die Bühne. Sie nippen an ihrem Bier und lachen. Das ist der Sommer.

(c) Dieser Artikel ist am 8. August 2001 in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.