Archiv der Kategorie: Kultur

„Pata Pata“: Gleichheit und Gerechtigkeit

Es ist Dienstagmorgen. Die Kinder sind in der Schule und im Kindergarten. Und ich arbeite. Eigentlich …

Denn jetzt erscheint in meiner Playlist die melodiegewordene Elegie „Pata Pata“ der längst verstorbenen, kapstädtischen Sängerin Miriam Makeba. (Ihr vollständiger Name lautet übrigens: Zenzile Makeba Qgwashu Nguvama Yiketheli Nxgowa Bantana Balomzi Xa Ufun Ubajabulisa Ubaphekeli Mbiza Yotshwala Sithi Xa Saku Qgiba Ukutja Sithathe Izitsha Sizi Khabe Singama Lawu Singama Qgwashu Singama Nqamla Nqgithi … Ob Miriam selbst ihn auswendig kannte? )

„Pata Pata“. Murmelt man diese etwas nach einer Zauberformel klingenden Worte einmal vor sich hin, kommt man vielleicht schon von selbst auf ihre Bedeutung: Pata – das ist „Xhosa“, eine der zahlreichen Amtssprachen Südafrikas, und bedeutet „Pfote“. Und was macht man mit eben so einer Pfote? Genau, man betritt den Boden, berührt ihn, legt sich auf ihn, windet sich auf ihm … „Pata pata“ dürfte gleichbedeutend sein mit „berühren, berühren“. Anfassen. Spüren. Erforschen.
Erklingt der Song, soll man tanzen, MUSS man tanzen; so jedenfalls fordert es die Sängerin mit der rauchigen, kraftvollen Stimme.

„Its pata pata time!“, schreit Miriam Makeba leidenschaftlich. Es ist ein Weckruf an Lebensfreude und „Afrika-Sehnsucht“. Gänsehautfeeling inbegriffen …

„Pata Pata“ ist wie so viele Songs der großartigen Afrikanerin eine Mischung aus Folklore und Jazz. Seit seinem Erscheinen 1967 wurde das Lied weltbekannt .

Intermezzo: Ein sehr enger Freund aus meinem Leben als Laienmusikerin korrgierte mich dazu wie folgt: „Alle ‚afrika-typischen‘ Musizierelemente wie Call-and-Response und Improvisation können eher umgekehrt als Einfluss auf den Jazz gesehen werden.“ Jo, ganz bestimmt. Aber: Was war zuerst da: das Huhn oder das Ei? 😉

Die Sängerin jedenfalls liebte Tiere, Menschen aber verehrte sie. In ihrer Heimat liebevoll „Mama Afrika“ genannt, stellte die Künstlerin sich selbst und vor allem ihre wunderbaren Lieder in den Dienst von Freiheit und Gerechtigkeit. Es sind Stücke voller Melancholie, Protest und Stolz. Mehr brauche ich gar nicht schreiben. Fühlt ihr „es“?

Ich mache dann jetzt mal weiter im realen Leben.
Die Arbeit ruft. Schluss mit der Träumerei (jedenfalls fürs Erste …).

Tischläufer aus Malvorlagen

Im Spätherbst steht für uns ein Umzug in ein neues Zuhause an. Die Zeit bis dahin nutzen wir, um ganz entspannt unter anderem das Kinderzimmer einmal ordentlich „auszumisten“, Klamotten und Spielzeug zum Verschenken und Verkaufen bereitzulegen und auf diese Weise auch Platz zu schaffen. Dabei kommen mitunter ziemlich gute Bastelideen auf. Diesmal: ein Tischläufer aus herumfliegenden Malvorlagen für die nächste Kindersause. Eine Bastelanleitung in drei Schritten.

Malvorlagen über Malvorlagen

In unseren Bastelschubladen türmen sich Malvorlagen und Ausmalbilder mit den verschiedensten Motiven: Bauernhof, Ninja, Tiere … Es sind große und kleine Blätter, Motive auf weißen und solche aus buntem Papier, bereits ziemlich zerknitterte und noch glatte. Puh. Noch während ich überlege, was wir mit dem ganzen Zeug anstellen sollen, jubelt plötzlich mein bald Achtjähriger: „Mama, wir machen einen oder mehrere Deko-Läufer draus – für die nächste Kinderparty!“ Gute Idee, dann haben wir auch gleich eine Tischdecke zum Vollkleckern.

1. Materialien zusammensammeln

Wir brauchen eigentlich nur die Malvorlagen und Klebeband. Und los geht es: Wir schnappen uns die Bilder und überlegen uns eine Anordnung. Wer möchte, kann die Ränder noch mit Musterscheren bearbeiten. Jetzt legen wir die Papiere kreuz und quer mit dem Motiv nach unten aneinander.

2. Papiere zusammenkleben

Wir fixieren alle Malbilder mit durchsichtigem Klebeband. Die Kinder haben riesigen Spaß daran. Und ehrlich gesagt: ich auch. Jetzt das Kunstwerk umdrehen: voilà – fertig ist die DIY-Tischdecke zum Ausmalen (und eventuell vollkleckern …).

3. Auf die Plätze, fertig, malen!

Und dann? Je nach Anzahl der Gäste bereitet ihr einen großen Tischläufer für die „Mampftafel“ vor – eine gute Unterlage und gleichzeitig eine ausmalbare Augenweide. Stifte drauf, Knabbereien und Getränke kredenzen – fertig. Ganz so, wie ihr es wollt. Oder aber ihr dekoriert kleinere Tische oder andere Möbel je nach Wetterlage draußen oder drinnen mit kleineren Läufern, stellt Buntstifte und Obst oder Kerzen drauf. Das sieht wunderschön und sehr einladend aus. (Für eine anstehende Einschulungsparty im Sommer könnte man statt der Malvorlagen übrigens auch alte Buchseiten verwenden.)
Viel Spaß beim Nachmachen!

Ballett statt Fußball?

„Ballett ist kraft- und anspruchsvoll, es ist richtig dynamisch“, schwärmt mir meine Freundin Christina bei einem Milchkaffee in unserem Garten vor. Sie ist Ballettlehrerin mit eigener Schule in Rastede bei Oldenburg. „Und das ist auch der Grund, warum Jungs hier eigentlich gut aufgehoben sind.“
Eigentlich? Die Mittvierzigerin schürzt nachdenklich die Lippen. „Weißt Du, von meinen knapp achtzig Schülern sind genau zwei männlich. Es sind Brüder, die sich beim Unterricht der Schwester ins Ballett verliebt haben.“ Der ältere der beiden tanzt mittlerweile drei Mal in der Woche: Ballett und Flamenco.
Warum machen das eigentlich so wenige Jungs? „Hierzulande gibt es leider immer noch so viele Vorurteile hinsichtlich des Jungenballetts“, erklärt Christina. Und ganz nebenbei bemerkt kann ich mir P. und K. tatsächlich nicht so richtig dabei vorstellen …

Während des Gesprächs kommt Christinas Tochter angerannt, P.s Freundin mit P. im Schlepptau. Die Fünfjährige tanzt ebenfalls seit einer Weile. Das Mädchen mit dem frechen, blonden Kurzhaarschnitt führt uns etwas vor, strahlt dabei über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Dann läuft sie wieder davon. P. flitzt natürlich sofort hinterher. Und K.? Der rennt hinter P. her.
„Für Mädchen gibt es hierzulande so viele Angebote“, sagt meine Freundin. „Zum Beispiel den Girls Day. Es gilt aber auch als cool, wenn Mädchen zum Fußballtraining gehen.“ Wenn aber Jungs ihre Leidenschaft für den Tanz entdecken, sieht man überall Stirnrunzeln.“ Christina legt eine Erzählpause ein und sieht unseren drei Kids ein bisschen beim Spielen zu.

Weiter im Text. In Ländern wie Russland habe das Ballett übrigens einen ganz anderen Stellenwert. Dort sei man stolz darauf, Tänzer zu sein – ein ehrbarer Beruf wäre das. „Spätestens mit der Pubertät beginnen bei uns aber die Hänseleien“, meint Christina. „Und Ballett wirkt plötzlich irgendwie schwul.“
Was müsste denn ihrer Meinung nach getan werden, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen? „Ballett hat doch nichts mit Homosexualität zu tun! Es erfordert Kraft, es werden Partnerinnen durch die Luft gewirbelt. Du kennst doch den Film ‚Billy Elliot‘: Ein Vater schickt seinen Sohn zum Boxen, doch der geht heimlich tanzen und schafft es auf eine renommierte Akademie. Dieser Film jedenfalls zeigt dynamische Bewegungen, genau die gilt es herauszukehren … Schau Dir doch mal Videoaufzeichnungen vom ehemaligen Balletttänzer Mikhail Baryshnikov an; was konnte der damals springen!“ Sie könnte sich stundenlang darüber auslassen. Ich nippe an meinem Kaffee und bewundere sie heimlich.

Meine Freundin erzählt noch, dass sie gern zusammen mit ihren beiden Mitarbeitern eine solche Jungsballettklasse ins Leben rufen würde. „Zu Beginn, bei der tänzerischen Früherziehung, unterscheidet sich der Ballettunterricht von Mädchen und Jungen noch nicht sehr. Es werden Elemente der russischen Waganowa-Methode und der englischen Royal Academy Of Dance miteinander kombiniert. So können wir individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen und sie fördern. In unseren Klassen legen wir Wert auf das Zusammenspiel von Technik, Athletik, Kreativität und Musikalität.“
Und später dann? „Ab dem siebten oder achten Lebensjahr gibt es schon so einige prägnante Unterschiede. Aber nur kurz: Hier bekommen Jungs bei uns den Raum für dynamischere und kraftvollere Bewegungsabläufe, den sie ja auch brauchen.“ Christina macht eine entsprechende starke Geste mit ihrem Arm. Schon wieder himmele ich sie an. Meine Powerfreundin mit dem feinen Herzen.

„Ich bin ein Hexenjäger!“, tönt es lauthals durch den Garten. Das Töchterchen kommt mit funkelnden Augen und zerzaustem Blondschopf angerannt, ein erhobener Stock dient ihr als Schwert. Ihre Mutter lacht herzhaft; der Stolz steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Da, siehste!“, Christina wird jetzt auch richtig laut. „Genau das dürfen heute alle Mädchen sein: Hexenjägerinnen, Rennfahrerinnen, Ritterinnen … Und was fehlt?“ Kurze Erzählpause, dann ein Grinsen: „Der singende, springende Prinz!“

Informationen:
Christina Bayer, Oldenburg, 0441/3044038

Kein Blatt vor dem Mund

Shoppen in Oldenburg. Ich stöbere in einem Klamottenladen, greife nach dem einen oder anderen Kleidungsstück, lege es mir zum Anprobieren über den Arm. „Nicht mehr als drei Teile“ steht an der Kabinentür. Ich habe ganze zehn – damit es sich lohnt eben. Ein Blick nach links und einer nach rechts: Niemand ist in Sichtweite, also schlüpfe ich unbemerkt durch die Tür.

Als ich mir gerade ein wirklich cooles, schmuddelgelbes Oberteil über den Kopf ziehe, höre ich aus der Nachbarankleide eine junge Frau in hilflosem Tonfall fragen: „Mama, wie sieht das aus? Was meinst Du, ich bin mir nicht so sicher?“ Schweigen. Offenbar mustert die Mutter ihre Tochter. Dann: „Nee, das ist nicht gerade vorteilhaft, macht Dich irgendwie dick.“

Nochmaliges Schweigen. Darauf die Tochter: „Na toll, Mutter. Du nimmst auch echt kein Blatt vor den Mund, was?“ Sie ist sauer. Ich hingegen halte mir die Hand vor den Mund, um nicht urplötzlich und unkontrolliert loszuprusten. Kichere also lediglich in mich hinein und beschließe sofort, diese Begegnung später ganz unbedingt aufzuschreiben.

Kein Blatt vor den Mund nehmen. Die Bedeutung ist klar: Man sagt jemandem ungeschönt und sehr direkt seine Meinung. Aber warum sagt man das so? Was haben Blätter mit Meinung zu tun?

Hier die Aufklärung – kurz und knackig: In Theaterstücken ging es damals bisweilen ziemlich schonungslos zu. Wer Molières Komödien oder Tragikomödien kennt, weiß, wovon ich hier schreibe: Edelmänner und Staatsleute, sogar Könige nahm er zusammen mit seinen Kollegen aufs Korn, zögerte nicht, sie auch lächerlich zu machen. Ein sehr waghalsiges Unterfangen, wie man sich nun denken kann.

Denn wer so offen seine Meinung auf der Bühne zeigte, musste damit rechnen, später persönlich und vis-à-vis Rechenschaft abzulegen. Um das zu vermeiden, versteckte man sein Gesicht hinter Masken. Doch da es zu Beginn des Theaterzeitalters noch keine Masken gab, benutzte man Blätter. Tja, und besonders mutige Mimen, die das eben nicht taten, zeigten ihre Gedanken und Gefühle mit ihrem „wahren“ Gesicht; ganz so wie die Mutter in meiner Geschichte.

Blätter gehören an – oder vom Baum – und nicht vor den Mund. Es lebe die Offenheit!

Türkische Gaumenfreuden

Mal so ganz nebenbei bemerkt: Ich stehe ja total auf türkisches Essen! In der drittgrößten Stadt der Türkei – in Izmir – habe ich kürzlich sehr schmackhaftes „Adana Kebap“  (siehe eindrucksvolles Foto unten) gegessen – und für absolut gut befunden. Auch total lecker: die Beilagen. Gegrillte Tomaten, grüne Pepperoni und „Maydanoz“ – Petersilie.
(Kleiner Themenexkurs: Habe ich schon erwähnt, dass „maydanoz“ mein erstes Wort auf Türkisch war? Sehr bald darauf folgten „teşekkürler“ – danke – und „çooook teşekkürler“ – viiiielen Dank.)

Zurück zum Adana: Die meisten von euch kennen diese gut gewürzte Köfte-Variante, bei der das Hackfleisch auf Spießen zumeist über Holzkohle gegrillt und anschließend auf Brot („kebap“) gelegt wird. Doch was die wenigsten wissen: Die Köstlichkeit stammt aus der türkischen Stadt Adana in der gleichnamischen mitteltürkischen Provinz. So weit, so gut.

Und was sonst noch? Viel Zeit nehmen … Beim Essen immer ganz viel Zeit zum Genießen nehmen – ein Stück türkische Mentalität, die ich auf jeden Fall in meinen Alltag integrieren werde (falls ich das schaffe bei all der Hektik …).

Na dann: „Afiyet olsun“ – guten Appetit!

 

„Mehr Bewutztsein entwickeln“

„Panzer, ich begrüße Sieee!“ Allein diese vier stark gelispelten Worte reichen offenbar aus, um ein ganzes Publikum in eine regelrechte Humorekstase zu versetzen: Als Paul Panzer – der eigentlich Dieter Tappert heißt – diesen Satz in die Artland Arena brüllt, fangen die Zuschauer ihrerseits an zu brüllen – vor Lachen nämlich. Einige schütteln sich regelrecht, ein Mann um die vierzig verschüttet sein Bier.

Menschen verschiedenen Alters sind gekommen, vom Basecap tragenden Teenager bis hin zum ergrauten Greis. Paul Panzer hat eben für alle etwas zu bieten – vor allem seine große Klappe.

Es ist Freitag, kurz nach20 Uhr, als der die Bühne betritt. An diesem Abend hat es sich der Stand-up-Comedian mit antrainiertem Sprachfehler, gewohnt geblümtem Retrohemd (diesmal ohne Hosenträger) und betont schrägem Humor schlichtweg zur Aufgabe gemacht, die gesamte Welt zu retten. Der Titel seiner Show: „Hart Backbord!“, die Themen: Umwelt, Umwelt – und nochmals Umwelt. Mit krächzender Stimme sagt Paul Panzer: „Mir sind da ein paar Sachen auf der Welt aufgefallen, wo ich dachte: Freeeeunde, was läuft denn da ab, hä?“

Er seufzt auf wie ein Kind, das gerade geweint hat. „Und ich kann zu Hause mit niemandem darüber sprechen.“ Das Publikum macht mitleidig: „Ooooh…“

Von der globalen Erwärmung über Ölkatastrophen bis hin zum „Medienmüll“ nimmt Paul Panzer auf seine wie üblich freche, ironisch-satirische Weise alles auseinander, was unserer Erde seiner Meinung nach den größten Schaden zufügt. Immer wieder appelliert er an den Verstand der „Quatzenbrücker Menschen“, denn auch hier müsse man „ein Bewutztsein für die Welt entwickeln!“

Der 40-Jährige wiederholt mahnend und mit gehobenem Zeigefinger: „Ein ziemlich immenses Bewutztsein sogar – für das, was in unserer Welt in Ordnung ist, und für das, was nicht in Ordnung ist!“ Paul Panzer reißt die Augen unter seiner streng wirkenden Rahmenbrille auf und schürzt dabei bedächtig die Lippen. „Das heißt nicht, dass wir jetzt alles gleich ändern müssen, aber das Wissen ist schon mal viel wert! Ich zum Beispiel weiß jetzt, ich soll meinen Grill nicht mit Altöl anmachen. ..“

Und dann ist da noch dieses Thema: Menschen, vor allem Jugendliche, würden zunehmend desinteressiert, ohnehin würden sie nur noch digital leben. Und im Zeitalter von Facebook und Twitter sei man sogar dazu aufgefordert, seinen „Stuhlgang mit anderen zu teilen.“

„Alles, was wir machen, kommt eines Tages zu uns zurück“, sagt der aus Düren stammende gelernte Schweißer nachdenklich. Er fordert das Publikum auf: „Also macht doch mal wieder was Normales!“ Dann schaut erEhrfurcht gebietend in die Runde.

Es herrscht sekundenlanges Schweigen. Einige Zuschauer rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum, so als fühlten sie sich bei irgendwas ertappt.

Dann ruft Paul Panzer in den Saal: „Freunde, schreibt doch mal wieder eine Postkarte. Mensch!“ Erleichterung macht sich breit, das Publikum lacht wieder.

Kritik im Plauderton: ein Abend mit Hagen Rether

„Hier riecht es nach feuchten Wollsocken“, stellt Hagen Rether fest, als er die Aula-Bühne des Artland-Gymnasiums betritt. Die ersten Lacher hat er damit schon auf seiner Seite. Und irgendwie stimmt es wohl auch: Die Zuschauer nicken eifrig.

Der groß gewachsene Kabarettist ist eine Erscheinung: Er trägt einen hellgrauen Anzug, schwarze Lederschule und einen Pferdeschwanz. Charmant wirkt er – und seriös. Seine großen, dunklen Augen blicken eindringlich in die Runde. Doch wenn der 42-Jährige sein breites Grinsen zeigt, scheint man eher einen großen Jungen vor sich zu haben: frech und schelmisch.

Meist sitzt Hagen Rether an seinem schwarz polierten Flügel, dem „Piano Hartz“. Er rollt auf einem Bürostuhl mit verstellbaren Armlehnen hin und her, spielt damit, erfreut sich daran – und redet. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Seine Themen: Religion, Kapitalismus, Massenmedien und Globalisierung. Es ist Gesellschaftssatire vom Feinsten. Es sind schonungslose Worte, gut verpackt im sanften Plauderton. Bei den rund 600 Gästen kommt das gut an.

Oft vergehen ein paar Sekunden, bevor das Lachen beginnt. Das Gesagte muss erst vordringen, erst seinen Weg in die Köpfe finden. Doch ab und zu sind die Worte zu aufwühlend, zu real, um darüber lachen zu können. Eigentlich möchte man weinen – wenn Hagen Rether beispielsweise sagt: „Es könnte doch alles so einfach sein. Wir müssen doch einfach nur nett zueinander sein.“

Und ganz plötzlich holt der Kabarettist ein Reinigungsmittel und einen rosafarbenen Putzlappen hervor und putzt mit ebenso gelangweilter wie liebevoller Akribie sein Piano, auf dem ein paar knallgelbe Bananen liegen. „Aber was rege ich mich auf“, sagt er leise – ein Satz, den man an diesem Abend noch oft hören wird. Schweigen liegt im Saal.

„Eigentlich wollte ich ja Bauingenieur werden, aber meine Eltern sagten: Nein, du bist lustig, du gehst auf die Bühne“, kommt es aus dem Nichts. Es bedarf keiner weiteren Erklärung, und das Publikum grölt wieder. Und während er dann eine seiner Bananen isst, kritisiert er die Massentierhaltung. Es ist eine Berg-und-Tal-Fahrt der Gefühle, die Hagen Rether mit seinen Gästen unternimmt.

Sein Programm trägt seit 2003 den Titel „Liebe“. Es ist die Liebe zur Gerechtigkeit und zum guten Miteinander, die Liebe zum Menschen – das wird schnell klar.

Ab und zu streicht sich Hagen Rether mit dem Zeigefinger der rechten Hand über das geschlossene Augenlid. Auf seinem Piano Hartz spielt er ab und zu ein paar gleichförmige, sanfte Töne. Ganz so als wolle er damit die Wunden streicheln, die das Gesagte in den Köpfen der Menschen verursacht. Und ganz am Ende ist das Lachen fort. Was bleibt, ist das Nachdenken.

„Passen Sie gut auf Ihre Kinder auf.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich der redselige Hagen Rether von seinen Gästen. Der Applaus hält an. Ganz langsam stehen die Menschen auf und verlassen ruhig die Aula – ganz ohne zu drängen.

Ein glücklicher Tag

Kürzlich ist mein neues Buch „Glückssache“ im polamedia Verlag erschienen. Die wieder einmal sehr bunte Anthologie umfasst Essays, Kurzgeschichten und Gedichte sowie Fotografien der schönsten, melancholischsten und glücklichsten Art. Einige trainieren auch die Lachmuskulatur – und das nicht zu knapp! Und so manche lassen auch ein Tränchen sprießen … Meine Geschichte – Ein glücklicher Tag – möchte ich hier mit euch teilen – natürlich nicht ohne den Hinweis, dass ihr das Buch auch kaufen könnt, nämlich HIER. Vielleicht sucht ihr ja noch ein Weihnachtsgeschenk. Danke für eure Aufmerksamkeit! 🙂

Das Cover zum Buch „Glückssache“ – Klick auf das Bild öffnet Verkaufslink

Ein glücklicher Tag

Der Wecker schrillt. Es ist sieben Uhr dreißig. Und wieder ist ein neuer Tag angebrochen. Das geht so schnell. Viel zu schnell, wenn man mich fragt. Tut man wohl aber nicht. Und selbst wenn: Es würde ja doch nichts ändern. Ich könnte mich auf den Kopf stellen oder sonst etwas tun. Einen kurzen Moment denke ich darüber nach, den Wecker an die Wand zu werfen, damit er mich niemals wieder so unsanft weckt. Ich höre schon das Scheppern. Sehr wahrscheinlich aber würde ich mir damit nur ein Eigentor schießen, denn irgendwer muss schließlich den ganzen Schrott wieder einsammeln und wegwerfen. Und das würde dann wohl ich sein. Also, wie auch immer: Augen zu und durch. Die Bettdecke zurückgeschlagen – und brrr, prompt wieder eingekuschelt. Mann, ist das kalt da draußen! Und noch so ungemütlich dunkel. Herbst eben. Eigentlich ist das gar keine Zeit, um aus dem Bett zu steigen. Ich suche nach weiteren Ausreden, murre, um dann doch meinen inneren Schweinehund zu überwinden und aufzustehen.

So arbeite ich denn von früh bis spät, bin viel unterwegs. Habe hier ein Gespräch, dort einen Termin. Und ein Pressefoto muss ich auch machen. Und schon ist es Mittag. Zwischen zwei Terminen geht es schnell nach Hause. Ein bisschen ausruhen, danach zwei oder drei Artikel schreiben. Und ein paar andere Geschichten liegen auch noch in der „Pipeline“. Aber: Arbeit muss sein, zum Glück macht sie mir Spaß. Und also schreibe ich, als gäbe es kein Morgen! Natürlich stimmt das nicht immer. Gerade zum Beispiel schreibe ich ein Wort ganze drei Mal hintereinander – aus Versehen natürlich – und fluche leise vor mich hin. Wo bleibt die Konzentration? Wohl immer noch nicht ganz wach. Gähnen. Tatsache.
Keine Lust auf Mittagessen. Hunger habe ich aber. Hastig stopfe ich mir eine Scheibe Vollkornbrot mit Käse in den Mund, etwas Ketchup drauf. Lecker. Und noch eine Stulle. Hab ich wohl doch Lust. Ich nippe am heißen Kaffee. Verbrenne mir die Lippen. Mist! Schreibe weiter. Noch ein Wort, noch eine Phrase – mühsam nährt sich die Journalistin. Grinse triumphierend und setze mich aufrecht hin: Hahaa, Artikel eins ist fertig, der zweite folgt auf dem Fuße. Ja! Geschafft! Dann schaffe ich bestimmt auch noch einen dritten heute! Na, wollen mal nicht übertreiben, immerhin wartet noch ein Buch darauf, lektoriert zu werden. Blick aus dem Fenster des Arbeitszimmers. Dort draußen in einem großzügigen Gehege lebt unser Hausrehbock Heinrich. Die Vermieter kümmern sich um ihn, seit seine Mutter im Frühjahr von einem Auto überfahren wurde. Sie haben ein großes Herz. Heinrich galoppiert staunend herum: Jede Menge Bäume, viel Platz, noch sattes Grün – zumindest bis zum Winter. Dann wird er sicher eine Krippe bekommen. Winterromantik baut sich in meinem Kopf auf. Ich sehe Lichterketten und einen Kamin vor mir, trage bequeme Kuschelsocken und gehe im Schnee spazieren … Oh Gott, ich glaube, ich brauche schon wieder eine Pause. Anscheinend funktioniert mein Hirn nicht richtig.

Vierzehn Uhr. Neuer Kaffee, neues Glück: Ich habe Lust auf eine Reportage über Indien. Über einen Tag im chaotischen und lauten Delhi, über die Zeit, die dort nie stillzustehen scheint und überhaupt ganz relativ ist. Ich fühle mich zurückversetzt in meine Reise: einen Monat Nordindien. Vieles habe ich gesehen: fremde Menschen und ihr Leben, die stolzen Sikh mit ihren wunderschönen, farbenfrohen Turbanen, unzählige Tempel, das Riesenmausoleum Taj Mahal, den Himalaya … Das ist erst einige Wochen her, aber es ist noch ganz präsent in meinem Kopf … Ich beginne zu träumen und schlafe fast ein. Das Fenster muss auf, frische Herbstluft rein. Aaaah, tut das gut. Das nenne ich mal Sauerstoff! Diese Luft gibt es nicht in Indien. Und auch nicht in Mexiko oder Afrika … Ja, zu Hause ist es wohl doch am schönsten.

Es ist nach achtzehn Uhr. Eigentlich müsste ich mich noch an das Buch wagen … Oh. Der Süße kommt nach Hause. Ich springe auf und renne ihm entgegen. Ein bisschen müde sieht er aus. Ein harter Tag? Er nickt. Gut, ich mache auch Feierabend. Wir kuscheln uns ein bisschen aneinander, reden über unseren Tag getrennt voneinander, aber in Gedanken doch nah beieinander.
Achtzehn Uhr dreißig: Es wird langsam dunkel hier auf dem Land. Der Liebste und ich gehen joggen – an einem Fluss entlang, der sich liebevoll „Hase“ nennt – und bis zu einem Ort, der Quakenbrück heißt. Sein Wahrzeichen: ein Frosch. Ich muss laut lachen. Zuvor haben wir lange in Berlin gelebt, dies hier ist jetzt unsere neue Heimat … Schön ist sie, die Landschaft, und eigentlich hat sie eine Hommage in Literaturform verdient. In Gedanken produziere ich einen Bildband … Eine Stunde laufen wir, dann geht es zurück nach Hause.

Fast zwanzig Uhr. Wir kochen uns etwas Schönes: ein Steak mit grünen Bohnen. Wir reden und lassen noch einmal den Tag Revue passieren.
Einundzwanzig Uhr: Ich schnappe mir ein Buch, den neuen und total spannenden Jussi Adler-Olsen. Mit dem dänischen Thriller marschiere ich ins Badezimmer, lasse die Wanne volllaufen, zünde mir Kerzen an. Ich tauche in das heiße, nach Fichtennadeln duftende Wasser ein. Nichts geht über ein Gesundheitsbad! Auf dem Hocker neben der Wanne steht ein Glas Rioja. Der Liebste schaut im Wohnzimmer ein Fußballspiel mit seiner Lieblingsmannschaft. Plötzlich jubelt er. Da ist wohl gerade ein Tor gefallen! In meinem Buch geht es ans Eingemachte! Ich versinke bis über beiden Ohren im Wasser und ziehe entsetzt die Augenbrauen hoch. Mann, ist das spannend! Ich erschrecke mich total, als der Süße mit seinem Bier ins Bad kommt, um mit mir anzustoßen. Wasser spritzt umher, er wird nass, wir lachen. Dreiundzwanzig Uhr fünfzehn: Wir gehen ins Bett, kuscheln uns in die bunte Bieberbettwäsche ein, lesen noch ein bisschen. Der Liebste verschlingt die Seiten eines Buchs von Frederic Forsyth. Er sieht so konzentriert, richtig sexy dabei aus. Ich grinse und denke nach über das, was ich hier gerade vor meiner Nase habe: reines Glück. Ich möchte nichts verändern an meinem Leben. Es ist wunderschön so, wie es gerade ist. Ich brauche nicht weiter über das Glück nachzudenken, weil es direkt neben mir liegt.

Der Punk der Zeit

„Rock’n’Roll – das ist der Punk der Zeit“, sagt Alexander Pampel und wackelt mit dem Knie. Der 26-Jährige ist ein fescher Typ mit cooler Gelfrisur, 1950er-Jahre eben. Seine Musikerkollegen nicken zustimmend, fast schon andächtig.

Im Osnabrücker Land kennt man sie, dort sie sind beliebt, die vier Kultmusiker von Mr. Cracker. In ihren Songs lassen sie den Rock’n’Roll der 50er- und 60er-Jahre aufleben. Hört man in ihre vorletzte CD hinein, kann man gar nicht anders als mittanzen oder wenigstens mit dem Kopf wippen. Der Titel der Scheibe mit den fünf gecoverten Songs passt auch: „Shake it up!“ Gehört – und getan.

Es ist Freitagabend gegen halb sechs. Draußen ist es bereits dunkel. Die Reporterin ist zu Gast im Proberaum von Mr. Cracker auf dem ehemaligen Gelände der Kynast AG. Gemütlich haben es die Bandmitglieder hier – und erstaunlich ruhig. Ein Heizstrahler ist in der Halle aufgebaut, auf dem Tisch stehen Süßigkeiten und Getränke, Schokoladen-Weihnachtskugeln und ein paar Softdrinks. Die Atmosphäre: Vorweihnacht im Wohnzimmer. Hier fühlt man sich wohl.

Der Anlass der Zusammenkunft: In diesem November haben Mr. Cracker ihre neue EP „Tanz mit mir“ herausgebracht. Darauf sind sie besonders stolz, denn: „Zum ersten Mal haben wir fünf eigene, deutsche Rock’n’Roll-Nummern auf CD gepresst und sind natürlich gespannt, wie die bei unseren Fans ankommen“, sagt Michael Krogmann. Der 25-Jährige ist sozusagen der „Creative Director“ der Gruppe, produziert selbst Flyer, Plakate und Websites für die Band – ein Allrounder.

„Tanz mit mir ist nicht nur der Name der EP, sondern auch unser Programm: Es geht um eine Nacht, in der alles passieren kann, in der die Instinkte den Kopf dumm dastehen lassen und Blicke mehr sagen als tausend Worte“, erklärt der Drummer. „Wir wollen dem deutschsprachigen Rock’n’Roll endlich neues Leben einhauchen“, ergänzt Leadsänger Alexander Pampel. „Wir sind gespannt, ob das passieren wird. Auf jeden Fall hat uns Carsten Mohring in seinem Rub-A-Dub-Tonstudio einen tollen Sound zusammengemischt. Dafür sind wir besonders dankbar“, schwärmt Michael Krogmann.

Im Jahr 2012 wird Mr. Cracker sein zehnjähriges Jubiläum feiern. Über 300 Shows in ganz Deutschland haben die vier jungen Männer bereits über die musikalische Bühne gebracht. Gespielt haben sie bereits mit Bands wie Ich & Ich und Revolverheld. „Zehn Jahre Mr. Cracker – das ist natürlich ein ganz besonderer Anlass, um unseren Fans etwas Besonderes zu bieten und uns bei ihnen für ihre Treue zu bedanken. Sie dürfen sich also gern überraschen lassen“, grinst Michael verheißungsvoll. „Näheres wird natürlich noch mitgeteilt, wenn es dann soweit ist.“

Kurz zur Geschichte von Mr. Cracker: Sie beginnt im Jahr 2002: Alexander Pampel, Michael Krogmann und Gitarrist Konstantin Gur kennen sich aus dem Artland Gymnasium Quakenbrück (AGQ). Sie sind Freunde. „Wir haben damals zusammen unsere ersten musikalischen Gehversuche gemacht“, erzählt Konstantin. „Das war eine klasse Zeit, in der wir auch herausgefunden haben, dass uns die Musik der 50er-Jahre am Herzen liegt – und irgendwie auch ein bisschen im Blut.“
Das Nesthäkchen der Band ist der 20-jährige Florian Risch. Er stieß im Jahr 2008 dazu. Meist lächelt der Kontrabassist still vor sich hin, um dann und wann eine witzige Interjektion von sich zu geben oder skeptisch die Stirn zu runzeln – eine wahre Mimikakrobatik.

Warum nennt sich die Band eigentlich Mr. Cracker? „Das ist eine gute Frage“, lacht Michael Krogmann. „Der Name ist aus reinem Herumalbern entstanden. Wir fanden ihn eigentlich ziemlich bescheuert, aber man kann ihn sich gut merken. Tja, und Kekse waren eben auch im Spiel – die haben wir nämlich zu diesem Zeitpunkt gerade gegessen.“
Zwischen Weihnachten und Neujahr drehen die vier jungen Männer übrigens das Video zur EP in der Kantine in Quakenbrück. „Es werden noch Statisten gesucht“, informiert Michael Krogmann.

Dann wird es Zeit für das gemeinsame Foto. Auf Kommando und aus dem Stehgreif beherrscht das musikalische Team coole Posen und produziert einen Tusch – nur für die Reporterin.