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Im Gedenken und in Gedanken

Es ist ganz offiziell. Das unbestimmte, ungemütliche Gefühl in der Magengegend, es ist nicht mehr. Doch Du, Du bist jetzt auch nicht mehr. Ich weiß es seit etwa einer Woche, doch erst jetzt komme ich wirklich dazu, über Dich nachzudenken. Über Dich als Mensch und über Dich in meinem Leben. Dass ich Dich nur ein paar Wochen persönlich und danach ausschließlich im Internet kennen durfte, wird niemals eine Rolle spielen: Du bleibst in meiner Erinnerung.

Ich war 21, als ich Dich kennenlernte. Auf einer Onlineplattform inserierte ich ein Praktikumgesuch für „irgendwo in Spanien“. In welchem geschäftlichen Bereich sich dieses Praktikum abspielen sollte, war mir damals gleich. Ich steckte in einer Phase, in der es herauszufinden galt, was ich denn mal werden möchte, „wenn ich groß bin“. Mit Entsetzen hatte ich festgestellt, dass ich bereits einen Meter achtzig groß bin. Ich war groß. Doch was ich beruflich werden wollte und würde, das wusste ich noch nicht. Ich war in einer Sprachklasse gewesen, ich hatte mein Abitur wirklich gar nicht schlecht gemacht. Ich hatte mich in Greifswald für Romanistik und Betriebswirtschaft eingeschrieben. Doch fehlte da etwas. Ich war auch in Mexiko, in Frankreich und in vielen anderen Ländern gewesen, um herauszufinden, was ich machen möchte. Sprachen und die Welt der Ökonomen allein – nein, das erfüllte mich nicht. Heute habe ich meine Erfüllung gefunden: Fremdsprachen und Ökonomie ergänzt durch Schreiben, Fotografie und Gestaltung. Und daran warst Du maßgeblich beteiligt.

Ich war also damals in einer Phase, in der ich jeden jungen Menschen meines Alters dafür bewunderte, dass er tat, was er tat – Hauptsache, er fuhr damit eine möglichst gerade Linie. Architekturstudium. Wow! Oh, Du willst Arzt werden? Das finde ich klasse! Was nehmt ihr gerade in Jura durch? Medienrecht! Das klingt spannend! Dass die gerade Linie nicht unbedingt der beste Weg war – dieses Licht sollte mir erst wesentlich später aufgehen.

Du hast Dich per E-Mail auf meine Anzeige gemeldet. Du warst ein Bild- und Textjournalist, der an der Costa Blanca lebte. Toll! Und zudem hattest Du einen Hund. Hunde liebte ich! Hunde liebe ich. Habe ich schon immer getan. Mein kleiner Sonny war vor einem Jahr überfahren worden. Ich war traurig, und es versetzte meinem Herzen einen kleinen Stich, als ich von Lobo, Deinem „Wolf“, las. Lobo ist inzwischen auch nicht mehr. Er war alt. Du aber nicht … Du hast noch viel vor Dir gehabt, das Du nun nicht mehr erleben darfst. Du durftest keine sechzig werden. Ich weiß, Du wärst gerne einhundert Jahre alt geworden …

Ein Praktikum an der Costa Blanca! Na klar! Und so nahm ich wenig später einen Flieger zu Dir. In Alicante angekommen, fuhr ich mit dem Bus nach Moraira – und von dort aus mit dem Taxi direkt bis vor Deine Haustür. Da bellte Lobo – zwischen ein paar Palmen. Ich habe das Bild direkt vor Augen: Er lief so wild hin und her, dass ich zunächst nur die Palmenblätter sah. Kein Hund weit und breit. Erst als ich mich dem Steinzaun näherte, sah ich Deinen Lobo: ein wunderschöner Berner Sennenhund. Und dann Dein Garten! Oh je, er war doch ziemlich verwildert. Du mochtest es nicht natürlich gestutzt. Alles sollte Natur sein. Das war in Deinem Sinne … und Du hast immer den Hinterausgang Deines Hauses benutzt.

Hinter der Hintertür: Dein VW-Bus, mit dem wir an den Wochenenden Ausflüge nach Valencia oder Denia oder Alicante machten. Wir beide und Lobo – unterwegs mit den Fotokameras. Ich hatte von meinem Vater vor kurzem eine Braun geschenkt bekommen. Auch er: ein regelrechter Fotonarr! Ja, und doch warst Du derjenige, der mich das Fotografieren gelehrt hat. Ich danke Dir von Herzen für das Wesentliche: den Blick. Das Gefühl. Nein, nicht die Technik war für Dich entscheidend, es war der gewisse Ausdruck, der in einem Bild zu liegen hatte. War er nicht da, aber Belichtung, Lichtempfindlichkeit, Weißabgleich – war das alles richtig eingestellt: nein, nichts zu machen, keine Chance. Das Motiv, der Ausdruck. Sie waren entscheidend. Koste es, was es wolle …

Als ich ankam, wusste ich: Du bist Ende 40. Du lebst allein in einem hübschen kleinen Haus, circa einen halben Kilometer vom Strand entfernt. Als ich Dein Häuschen erreichte, wollte ich zunächst wissen, wer Du bist, bevor ich mich für eine Weile bei Dir niederlassen wollte. Meine Tasche stand in Deinem Flur. Abreisebereit, wenn es sein musste. Doch nein: Stundenlang saßen wir in Deiner Veranda in Moraira. Redeten, lernten uns schneller kennen und mögen, als ich mir zu träumen wagte. Manchmal rauchte ich aus Geselligkeit eine Zigarette mit Dir. Und auch Lobo mochte mich. Meine Tasche und ich – wir blieben.

Du hattest mir einen Kellnerjob in einem Bistro direkt am Strand von Moraira besorgt. Dort arbeitete ich tagsüber. Bis 16.00 Uhr. Die Besitzer des Lokals waren zugleich Inhaber einer Segelschule und vermietenen Apartments. Ich lernte Begriffe aus der Welt des Segelns und erfuhr, wer Ferdinand Magellan war. Die Geschäftsführer waren außerordentlich nett. Sie – Anfang Dreißig, er – Anfang Fünfzig. Ein zweites Leben. Und ein vierjähriger Sohn. Ich war gern dort beschäftigt – und das hatte ich alleinDir zu verdanken.

Nach 16.00 Uhr kam ich zurück zu Dir. Wir schrieben, fotografierten, wir filmten, wir tüftelten zusammen. Wir warfen Dein Videoschnittprogramm an. Schon damals warst Du Dir über die Bedeutung der digitalen Medien bewusst. Ich habe es belächelt. Und heute verfluche ich mich ein bisschen dafür, dass ich Dich nicht ernster genommen habe. Du hast mir so viel beigebracht. Bis zu Deinem Tod warst Du mein Mentor in Sachen Medien. Und heute gehe ich Deinen Weg! Schreiben. Foto. Video. Ja, das ist auch mein Weg geworden!

Dein Sohn kontaktierte mich vor ein paar Tagen. Er war auf der Suche nach einer jungen Frau, von der sein Vater so viel erzählt hatte. Bereits nach dem Erhalten seiner ersten Mail („Es ist wichtig.“) wusste ich, dass Du nicht mehr bist … Ich habe Dich zehn Jahre nicht gesehen. Immer wollten wir uns mal wiedertreffen. Wir haben es nicht geschafft. Warum nicht? Diffuse Gedanken und Gefühle.

Ich möchte mich in tiefer Verbundenheit und Dankbarkeit von Dir verabschieden. Du fehlst mir. Aber ich wahre Dich einfach in guter Erinnerung in meinem Herzen auf.
Du warst mir wie ein Vater. Und jetzt, da ich das schreibe, fällt mir der Abspann zu unserem Video ein. „Danke für die schöne Zeit“ hast Du geschrieben. Jetzt bin ich es, die sich für die schöne Zeit bedankt.

Wenn der Maler zweimal klingelt …

10.00 Uhr. Es klingelt an der Tür. Gerade noch in Gedanken verloren, schrecke ich zusammen. Was war denn heute? Ach ja, der Maler. Etwas schwerfällig bewege ich mich in Richtung Tür. Da klingelt es auch schon wieder. „Jaja, ich komme ja schon.“
Klein ist er, der Malermeister. Seltsame Kurzhaarfrisur, Brille. Freundlicher Gesichtsausdruck. Er ist wohl so um Mitte 30. Grinst mich an.

„Tach, ick bin der Maler. Watt soll’n hier eigentlich jemacht wern?“ Oh Gott. Na, wenn der das nicht weiß …
„Ähm, letzte Woche wurden hier die Gasrohre ausgetauscht, und ein paar Tapetenstücke wurden erneuert, die jetzt über…“
„Ach jenau“, unterbricht er mich. „Jetzt habbicket wieda.“ Na, das ist aber schön. Und es beruhigt mich fast schon ein bisschen.

Ich möchte zurück zum Schreibtisch gehen, jede Menge Arbeit, die da noch wartet. Na, warten ist eigentlich ein viel zu milder Ausdruck. Nein, sie wartet nicht. Sie lauert. Wah. Ich tappe  in die Küche, setze Wasser für einen türkischen Kaffee auf. In Gedanken bin ich bei ihr, der penetranten Arbeit. Ich denke an den Kunden dahinter. Tiefes Einatmen. Tut das gut …

„Sind Sie Klavierspielerin von Beruf?“, ruft es aus meinem Wohnzimmer. Ich wähnte den Maler im Flur, und nun kommt seine Stimme doch tatsächlich aus meinem Wohnzimmer.
„Äh, nein. Ich bin Journalistin.“
„Ach sooo, na ick frach wegen den Klavier da.“ Er zeigt auf mein wunderschönes, inzwischen fast dreizehn Jahre altes schwarzpoliertes Rönisch.
„Ja. Nee … So, ich muss jetzt mal weitermachen.“
„Darf ick ma fragen, wie alt Sie sind?“ Na, die Frage ist doch ein bisschen intim. Aber ich habe ja kein Problem mit meinem Alter. Noch nicht.
„Klar dürfen Sie.“ Ich warte, dass er fragt. Ein bisschen dumm schaut er aus der Wäsche. Noch ein tiefes Seufzen meinerseits.
„29. Noch.“
„Oh, sehen aber aus wie 24! Ehrlich, ick sach dit nich nur so.“ Natürlich nicht.
„Danke.“
„Für dit Kompliment hab ick jetz een Kaffee verdient, wa?“ Er kichert. Ich finde das nicht komisch, verbietet mir doch meine Gastfreundschaft, nein zu sagen. Mist!

Der Maler macht sich im Flur an die Arbeit. Er schweigt. Genau zwei Minuten. Denn als ich ihm den Kaffee bringe, plappert er unentwegt weiter: von seiner zwölfjährigen Ehe, seinen beiden Kindern. Die Tochter ist elf, der Sohn ist acht.  Seine Kleine hat zwei Handys und einen Laptop. Und sie wird bald 14. Und dann beginnt sicher auch ihr Sexualleben. In seiner Jugend hätte man damit erst viiiel später begonnen. Ich schaue mir den Kerl genauer an. Schelmisches Grinsen, selbstsichere Körperhaltung. Na klar.
„So, ich muss jetzt wirklich arbeiten.“
„Meene Frau …“
Ich gehe ins Arbeitszimmer und schließe die Tür hinter mir.
Zwanzig Minuten später verabschiedet er sich. „Schüss!“, ruft er durch die Tür. Und dann ist er weg.

Buch fertig für den Druck

Stand 20. November 2009: Ich habe heute Meldung erhalten, dass das Buch für den Druck fertig ist. Aktuell wird es in den Großhandelskatalogen gelistet, und in den kommenden Tagen wird es dann in den Onlineshops wie Amazon bestellbar sein (einige Zeit später auch flächendeckend im deutschsprachigen Buchhandel). Es umfasst 372 Seiten mit zwölf Fotografien oder Zeichnungen und wird 24,95 Euro kosten.

Wer möchte, kann bei mir bereits jetzt Bücher vorbestellen.