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Suchet, so werdet ihr (mich) finden

Zu erfahren, wie Menschen auf meinen Blog gelangen, ist für mich eine spannende Sache. Bisweilen staune ich über die Suchbegriffe, die dem Finden vorangehen: Sie sind witzig, traurig oder einfach nur wunderlich. Ich könnte Stunden damit zubringen, mir Geschichten zu diesen Phrasen auszudenken oder zu sinnieren, was sich genau hinter diesen Suchbegriffen verbirgt. Meine Favoriten aktuell:

  • wohlhabende frau beinamputiert
  • fahrradleichen berlin
  • eingepackt strumpfhose
  • immer schönes wetter/schönes wetter was tun
  • tür nach innen drücken

Little Big Berlin

Der Autor dieses Videos schreibt über sein Werk: „Diesen wundervollen Film widme ich meiner Stadt Berlin, in der ich seit 19 Jahren lebe. Berlin macht aber nicht nur die Architektur aus, sondern vor allem die Menschen, die Berlin zu so einer einmaligen schönen Stadt machen. Man muss nur hinschauen und kann an jeder Ecke etwas Besonderes entdecken. Und am besten filmt man dies auch gleich … “
Recht hat er, finde ich!

Jacke – verzweifelt gesucht

Dreh in einem Altenpflegeheim. Unser Filmtrio porträtiert eine Ergotherapeutin. Dann eine Altenpflegerin. Wir dürfen auch einem hochmotivierten und kreativen Koch in seine Töpfe luken und ihm – wenigstens ein paar – seiner „ganz persönlichen Kochgeheimnisse“ entlocken. Es duftet wirklich wunderbar. Champignons, frische Kräuter, jede Menge Sahne … Sünde! Und es ist elf Uhr durch. Mein Magen beginnt zu knurren. Echt eine fiese Sache, so ein Dreh auf nüchternen Magen.

Hochkonzentriertes Arbeiten. Schuss, Gegenschuss. Totale, Close-Up, Schwenk. Und so weiter. Die Stunden vergehen. Es ist Nachmittag, und wir haben alles im Kasten. Gut gelaunt – und hungrig – gehen wir in Richtung „Produktionsauto“. Alles schön in Ruhe zusammenpacken und uns dann ein gepflegtes Mittagsmahl genehmigen. Das haben wir uns auch verdient. Pizza. Oder Nudeln. Oder Steak oder so.

„Meine Jacke … !“ Unser Kollege schaut uns an. So, wie man eben schaut, wenn die Erkenntnis kommt, dass etwas fehlt. Es fehlt: eine dunkelblaue Adidas-Jacke. Mit drei weißen Streifen. Na klar. Wir suchen sie überall – und zu dritt. Nichts und nirgendwo. Vom Erdboden verschwunden, so scheint es. Eine regelrechte Jagd quer durch die sechs Etagen des Heims. Wir fragen alle, die uns in die Quere kommen über den Weg laufen: Pfleger, Reinigungskräfte, Senioren. Doch noch einmal auf die Sechs? Ja, einen letzten Versuch starten wir noch. Ansonsten ist sie eben weg, die Jacke.

In der sechsten Etage befindet sich die Wohngemeinschaft der Demenzkranken. Blick nach links, Blick nach rechts. Nein, auf der Herrentoilette ist sie auch nicht. Sicherheitshalber schaue ich sogar in einen Papierkorb. Man kann ja nie wissen. Sie ist wohl wirklich weg.

Wir laufen an einem sportlich gekleideten Herrn vorbei. Ich finde ihn auf Anhieb sympathisch. Und so adrett! Warum genau? Ich drehe mich noch einmal nach ihm um. Er sieht wirklich gut und um einiges jünger aus in dieser Jacke – ich schaue genauer hin – dunkelblauen Adidas-Jacke! Ich bleibe stehen, mache – total unauffällig – „ksssst!“ zu den Jungs. Wir starren mit offenem Mund – und brechen in Gelächter aus.

Die Situation klärt sich rasch. „Prof. Dr. Schmidt!“ Der Pfleger geht auf seinen Patienten zu. „Ist das Ihre Jacke?“ Er blickt grinsend zu uns rüber. Wir nicken. Der Pfleger lacht; der Senior grinst schelmisch.

Ein altes Sprichwort besagt: Wem die Jacke passt, der mag sie anziehen.
Und genau das hat der alte Herr wohl auch gedacht.

Du hast doch nicht alle Tassen im Schrank!

Er ist einfach mein Lieblingsitaliener. Weil er dieses original italienische, gehetzte Ambiente versprüht – und das mitten in Berlin. Wegen der karierten Tischdecken. Auch wegen des günstigen, aber unglaublich leckeren Hausweins. Vor allem wegen der Grantigkeit der italienischen Kellner. Und nicht zuletzt wegen der leckeren Pizza: Il Casolare in Kreuzberg.

Eine bessere Pizza als dort habe ich bisher nur im Sorrent in Süditalien gegessen. Das war 2002. Und dann wieder 2003. Pizza so groß wie ein kleines Wagenrad, belegt mit allerlei frischen Köstlichkeiten. Büffelmozzarella. Basilikum. Reife, saftige Tomaten und prosciutto crudo. Den Duft und das temperamentvolle Gerede in der Restaurantküche in den Bergen – unbeschreiblich. Eine riesige Eistruhe in der Ecke des ristorante. Kinder aus Großfamilien, die um Tische laufen. Ich versinke in Erinnungen und hole mir den Duft der Pinien zurück in die Nase …

„Mann! Du hast doch echt nicht alle Tassen im Schrank!“ Eine laute weibliche Stimme hinter mir.
Meint sie etwa mich? Ich drehe mich um. Sie sitzt am Tisch hinter mir. Der arme junge Kerl neben ihr ist knallrot im Gesicht.
„Sorry, ich hatte eben noch so lange zu tun …“
„Drei Stunden lang!“ Sie lacht  vollkehlig.

Nicht alle Tassen im Schrank haben. Wo kommt denn dieser Spruch nun schon wieder her? Ist er entstanden, weil jemand zu dumm war, Tassen in einen Schrank zu stellen ohne sie zu zerdeppern? Oder weil man sie alle verschusselt hat?
Nicht alle Tassen im Schrank.
Die Redewendung – über die jeder weiß, was sie bedeutet, aber kaum jemand, wo sie herkommt – stammt angeblich aus dem Jiddischen. Sie leitet sich vom Substantiv toshia (= Verstand) ab. Ähnliche Wendung: eine trübe Tasse sein.

„Zu tun!“ Sie keift. „Drei Stunden lang ohne Bescheid zu sagen? Du kannst mich mal. Du hast echt nicht alle Tassen im Schrank!“
Sie steht auf, rennt an meinem Tisch vorbei – und verlässt das Lokal. Ein Windhauch auf meinen Armen. Er trabt hinterher.

Camerota/Kampanien (Süditalien, 2003)