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Fitness kennt kein Alter

Es „schneeregnet“. Macht nichts. Ich habe mir vorgenommen zu joggen, also jogge ich. Ich entscheide mich für die Strecke am Spreeufer: Von der Schlossbrücke geht es unter der Gotzkowskybrücke hindurch, an der Playa Paradiso vorbei bis zu Mercedes Benz. Dann erreiche ich den Tiergarten. Es wird langsam dunkel, doch der Park ist beleuchtet. Es macht Spaß zu dieser Tageszeit zu laufen. Auch bei diesem Wetter. Oder gerade bei diesem Wetter. Ich hüpfe in die Pfützen wie damals, meine warmen Füße werden angenehm gekühlt.

Auf dem Rückweg. Circa einen Kilometer vor der Schlossbrücke merke ich, dass der Boden unter meinen Füßen leicht vibirert. Aus den Augenwinkeln sehe ich eine Person, die zum Überholen ansetzt, doch dann auf meiner Höhe und in meinem Tempo bleibt. Es ist ein Mann. Ich schaue ihn verwundert an, und er bedeutet mir, die Ohrstöpsele herauszunehmen. Ich mustere ihn: Er ist um die 70, stelle ich erstaunt fest. Und er hat mich eingeholt.

„Entschuldigung, wo finde ich die nächste S-Bahn-Station?“ Er sieht richtig drahtig aus. Ich hoffe, dass ich in dem Alter auch noch so fit bin.
Ich schwanke zwischen den Bahnhöfen Jungfernheide und Charlottenburg, schlage ihm dann letztere vor.
„Danke!“
Er zieht an mir vorbei. Da kann ich mir noch eine Scheibe abschneiden. Den letzten Kilometer dann laufe ich etwas schneller.

Hauptsache Bewegung!

Möpse und Läufer

Mit dem Auto quer durch die Stadt. Es regnet in meinem Berlin. Der Verkehr läuft zähflüssig, für mittags ist es ziemlich voll – und dunkel. Kälter ist es auch wieder geworden. Meine Stimmung ist eh nicht die beste. Da passe ich mich diesem Einheitsgrau da draußen heute ausnahmsweise einmal an.

Westend. Ich suche einen Spezialisten für Datenrettung auf. Besser, man fragt mich nicht danach. Als ich durch die Tür trete, begrüßt mich freudig ein hellbrauner Mops. Er legt den Kopf schief, schaut hechelnd zu mir hoch, die Zunge hängt raus. Er wedelt mit dem Schwanz. Wenigstens der ist gut drauf. Die Art, wie er mich anschaut, entringt mir jetzt tatsächlich ein Lächeln. Der kleine Faltenkerl trabt in eine Ecke des Raums, wuchtet sich auf den Boden und kaut an einem Ding, das sicher einmal ein Spielzeug gewesen ist. Er lässt mich nicht aus den Augen.

An einem Schreibtisch mitten in einem relativ leeren Raum sitzt ein Herr mittleren Alters, der mir zuruft: „Bitte auf den Teppichen bleiben, es ist so nass draußen.“ Ich schaue runter – und sehe tatsächlich einen Weg aus kleinen, extrem bunten Läufern, der auf den Verkäufer zuführt. So etwas habe ich noch nie gesehen. „Gut, dann will ich mal auf dem Teppich bleiben“, sage ich und hüpfe also von Teppich zu Teppich. Jetzt habe ich wieder diesen Traum im Sinn, den ich schon als Kind hatte: von Wolke zu Wolke springen. Oder auf einer Mauer oben im Himmel spazieren.

Die Konversation ist nett, der Mann spricht mir Mut zu. Alles wird gut, egal wie es ausgeht. Davon bin ich jetzt wieder völlig überzeugt.

 

Keine Möpse, aber auch schöne Hundchen

Sei kein Frosch!

Am Morgen belausche ich in der U-Bahn das Gespräch zweier Jungs um die zwölf Jahre.
„Wollen wir nach der Schule noch zu Lucas?“
„Hm … Geht nicht, ich muss heim, Hausaufgaben machen.“
„Hä? Die kannst Du doch später noch machen! Lass uns ’n bisschen zusammen zocken!“
„Beim letzten Mal hast Du auch gesagt, wir kommen rechtzeitig nach Hause. Und dann war ich viel zu spät dran, und meine Mutter war dann echt sauer …“
Der andere Junge grinst. „Mensch, sei kein Frosch! Ruf doch Deine Mutter an und frag sie, Du Feigling.“
Der Ängstliche zückt sein Handy. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass es ihm nicht besonders gut geht.

Was haben Frösche eigentlich mit „Feigheit“ zu tun?
Die Erklärung ist denkbar einfach: Als Fluchttiere sind Frösche sehr schreckhaft. Schon bei der kleinsten Bewegung hüpfen sie davon.

In Storkow haben es Frösche nicht leicht.

Erinnerung

Da bin ich nun. Vor einer Stunde sind sie gegangen. Jetzt bin ich allein. Allein mit mir selbst und meinen Gedanken. Der Fernseher ist bereits aufgebaut und angeschlossen. Irgendeine Sitcom dudelt da vor sich hin. Ich sehe gar nicht richtig hin. Hänge meinen Gedanken nach. Fremd ist es hier. Aber irgendwie schön. Ich weiß noch nicht so recht. Erinnere mich an mein Zuhause. Es ist so weit weg jetzt. Bin ich froh darüber oder traurig deswegen?

Jetzt sitze ich hier, inmitten voller Kartons, die alle noch ausgepackt werden müssen. Bilderrahmen. Meine kleine Schwester. Mein Hund. Mein Klavier. Schwarzpoliert. Rönisch. Sie alle habe ich zurückgelassen. Jetzt kann ich nicht zurück. Auch meine geliebten Kinderbücher habe ich dort gelassen. Ich bin ja aber auch kein Kind mehr. Ich bin jetzt eine junge Frau mit Abitur. Was solls, hole ich sie eben irgendwann einmal nach.

Nichts steht so, wie es einmal stehen soll. Ein heilloses Durcheinander. Chaos. Ich lache laut. Weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich denke an meine Schule, an den Lehrer, der noch vor kurzem zu mir gesagt hat: „P., halt die Klappe, sonst schaffst Du Dein Abi nie!“. Und manchmal, wenn andere oder er sich selbst unter Druck gesetzt hat, sagte er auch: „Eines after dem anderen.“ Ich lache noch einmal laut.

Neben mir steht ein leerer Pizzakarton. Ich löffele aus einem Becher Haägen-Dazs Strawberry Cheesecake. Der erste in meinem Leben. Habe ich hier um die Ecke gefunden. Was man hier alles finden kann. Die Neugier treibt mich wieder raus. Ich lasse alles so stehen wie es ist, ziehe meine Chucks an und verlasse meine 30 Quadratmeter Studentenbude.

Ziellos irre ich durch Berlin. Staune, schaue an diesem oder jenem Haus hoch. Laufe gegen eine Straßenlampe. Grinse verlegen. Laufe weiter. Pestalozzistraße … Wow. Ich habe noch nie so viele Neubauten gesehen. Börek. Was ist das denn? Ich probiere einen. Mit Spinat und Schafskäse. Das also habe ich jahrelang vermisst …

Wieder in meiner Bude. Ich setze mich entspannt an mein E-Piano und schreibe ein paar Songs. Meine Finger sind eins mit den Tasten. Draußen ein Krankenwagen. Ein Nachbar schreit rum. Und dennoch: Ich fühle mich frei. Ich bin 19 – und ich bin neu in Berlin. Mein Berlin. Hier möchte ich nie wieder weg. Das schwöre ich mir an meinem ersten Abend hier.

Einzug in die erste Berliner Wohnung

Dasselbe in Grün

6.55 Uhr. Auf meinem altberliner Hinterhof knallt und scheppert es gewaltig. Ach je, die Müllmänner holen die Tonnen. Ich tappe zum Fenster und knalle es lautstark zu. Sollen die doch mitkriegen, dass sie ruhig etwas leiser sein könnten. Hm, hoffentlich habe ich jetzt keine anderen Menschen geweckt. Und schon tuts mir wieder Leid.

Ich krabbele zurück in mein Bett und ziehe die Bettdecke bis über beide Ohren. Kalt. Und es ist noch so ungemütlich dunkel draußen. Da könnte ich doch ruhig noch etwas liegen bleiben … Aber es hilft alles nichts: Ich muss aus den Federn. Alles andere wäre grob fahrlässig bei dem, was heute noch in meinem Terminplaner steht. Zeitmangel. Filterkaffee oder Instant? Naja, im Grunde ist das ja dasselbe in Grün. Hauptsache Koffein jetzt.

Dasselbe in Grün. Wenn wir in zwei Dingen keinen oder keinen großen Unterschied feststellen können, verwenden wir dann und wann diesen Ausdruck. Ja, und warum ist etwas dann nicht dasselbe in Rot, Gelb oder ja … Blau? Warum aber dasselbe in Grün und nicht in Blau oder Rot?

Es ist anzunehmen, dass diese Redewendung aus der Automobilbranche stammt. 1921 brachte der französische Hersteller Citroën sein Modell „CV5“ heraus. In Deutschland begann Opel drei Jahre später,  Autos in Serie herzustellen. Das erste Auto in Massenproduktion hierzulande war der Opel 4 PS. Er war nicht nur klein, sondern auch nur in grüner Farbe erhältlich. Umgangssprachlich wurde das Auto deswegen auch „Laubfrosch“ genannt. Und jetzt zum Wesentlichen: Weil der Opel 4 PS nun eine Kopie des französischen CV5 war (der wurde nur in zitronengelb hergestellt), war er eben dasselbe (Auto) in Grün.

Die gleichen in bunt: Tragschrauber in Hildesheim

Silvia Friedrich: „Stadtluft macht frei“

Bertas Zug fährt in den Bahnhof ein. Sie schnallt sich den Rucksack fester und steigt aus. „Hier will ich leben,“ denkt sie, als sie durch das Menschengewimmel auf die Straße drängt. Großstadtluft nimmt ihr den Atem. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blinkt eine Neonreklame: MITDEMBÄRZUMMILLIONÄR.

Berta liest es zweimal. Es dämmert bereits. Sie geht los, steigt die Stufen zur U-Bahn hinab, lächelt dem russischen Akkordeonspieler zu und wartet am Gleis. Selbst hier unten ist es heiß. Die einfahrende Bahn wirbelt herumliegendes Papier auf. Als sie einsteigt, gibt es kein zurück.
Die große Stadt wartet auf Opfer. Sie hat Berta schon gesehen. „Du entkommst mir nicht mehr,“ sagt sie und bläst die Lichter an, die bis zum Morgengrauen alles beleuchten werden, was nicht beleuchtet werden will.
Berta hört ihre eigenen Schritte auf dem Asphalt. Lichter spiegeln sich in Pfützen, weisen den Weg. Da lang. Sie steht vor einem Haus mit Graffiti. Beim Hineingehen bleibt ihre Jacke an einer Schraube in der Tür hängen. Sie reißt sich los.
„Hätten Sie ein Zimmer frei?“ Sie stellt ihren Rucksack ab. Erst jetzt merkt sie, wie schwer er war. Die Frau ihr gegenüber oder ist es ein Mann, fragt, wie lange sie bleiben will.
„Ein paar Tage, vielleicht länger“, sagt Berta und fühlt sich etwas unwohl. Zuhause in ihrem Dorf sitzen jetzt alle beim Abendbrot. Die Turmuhr schlägt, und der letzte Bus aus der Kreisstadt fährt durch den Ort.
Die Mannfrau legt einen Schlüssel hin, an dem ein Plastikbär baumelt. Berta nimmt ihn, hebt den Rucksack an, der nun viel schwerer scheint als vorher und steigt die Treppe hoch, die zu ihrem Zimmer führt. Ein kleiner Raum, auf einem Holztischchen schlägt eine Polyestertischdecke Falten. Die junge Frau legt sich aufs Bett und beobachtet die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos. Berta weint.
„Schlaf Berta“, raunt die große Stadt. „Du wirst dich schon daran gewöhnen. Ich singe dir ein Wiegenlied. Schlaf, Berta, schlaf.“
Sie hört eine Melodie, die aus einem Lokal neben dem Hotel herüberweht. Sie kennt das Lied, versucht den Text zu flüstern. Bevor sie sich erinnert, schläft sie ein.
Als der Morgen durchs Fenster kriecht, rumpeln Müllkästen in der Größe von Kleiderschränken über den Asphalt. Müllmänner schreien sich undeutliche Wortfetzen zu. Berta schaut hinaus. Der Verkehr stockt, da die Kleiderschränke die Straße versperren. Zwei Männer streiten sich, ein Hund hebt sein Bein am Müllauto, Radfahrer beanspruchen den Bürgersteig. Als Berta nach einer halben Stunde auf die Straße tritt, hat sich das Verkehrsknäuel aufgelöst. Die Häuser sind viel höher als zuhause. Fußgänger rempeln sie an im Vorbeigehen. Auf der anderen Straßenseite stehen Stühle und Tische vor dem Laden. Sie durchquert den fließenden Verkehr und lässt sich auf einem Draußenstuhl fallen. Sie bestellt einen Kaffee bei der Kellnerin und sieht sich um. Ab und zu kann sie zwischen den vorbeifahrenden Autos ihr Hotel erkennen. Es wirkt freundlich am Tag.
„Ist hier frei?“ Berta blickt zu einer Frau in schwarz hoch, die neben ihrem Tisch steht. Ihre roten Haare leuchten in der Sonne. „Ja, klar“, sagt Berta. Sie lächeln sich an. Die Rote holt eine Zeitung aus ihrer Jacke, beginnt zu lesen.
„Neu hier?“, fragt sie, ohne aufzublicken.
„Äh, merkt man das?“ Bertas Gesicht verfärbt sich etwas.
„Ja.“ Die Rote blättert in ihrer Zeitung, legt die dann zur Seite. „Studium?“
Berta schüttelt den Kopf: „Zu viel Provinz, versuche es jetzt hier.“
„Was kannst du?“ Die Rote sucht in ihren Taschen nach Zigaretten, findet welche, zündet sich eine an.
„Ich war bei uns im Drogeriemarkt, hab‘ eine Lehre angefangen, nicht zu Ende gemacht.“ Die Kellnerin kommt, bringt Berta den Kaffee. Die Rote nimmt einen Tee: „Lädst du mich ein?“, fragt sie Berta. Die nickt.
„Ich schlage mich hier seit acht Jahren durch“, sagt ihr Gegenüber. „Anfangs wollte ich nur einen Monat bleiben, aber dann … Irgendwas hielt mich hier. Ich konnte nicht weg.“
„Jaja“, sagt die Stadt lächelnd und beobachtet die beiden.
„Was machst du so?“, fragt Berta.
„Alles. Modeln, verkaufen, eine Weile habe ich bei einem reichen, alten Knacker gewohnt. Der ist verstorben. Dann erbten seine Kinder. Ich ging leer aus, musste wieder auf die Straße.“
„Und jetzt?“ Berta hüstelt. Der Rauch weht ihr ins Gesicht. „Jetzt suche ich neue Leute in der Stadt, die mir mal einen Tee ausgeben.“ Die Rote drückt ihre Zigarette aus. „Ich heiße übrigens Vanity. Das heißt Eitelkeit. Gut, ne? So hat mich mein Sugardaddy genannt. Eigentlich heiße ich Doris. Kein Mensch heißt heute noch Doris. Meine Oma war ein Fan von dieser Amitussi, die immer mit dem schwulen Typen in den Filmen spielte. Kennste?“ Berta schüttelt den Kopf.
Die Kellnerin bringt den Tee. Die Rote trinkt hastig. „Du wirst sicher irgendwas finden“, sagt Vanity und erhebt sich „Muss weiter, ciao.“ Sie rennt über die Straße, mehrere Autos halten mit quietschenden Reifen. Vanity steht auf der Fahrbahn und winkt. Berta sieht ganz klein aus an ihrem Tisch auf dem Draußenstuhl.
„Man, kannste nich einmal pünktlich sein?“ Elsa schleppt Kisten mit Klamotten auf den Bürgersteig. „Los, schieb den Ständer mit den Jacken nach draußen, ist schon spät.“
„Keine Hektik. Das Leben ist früh genug zu Ende.“ Vanity zieht ihre schwarzen Schnürstiefel aus und setzt sich hinter die Ladentheke.
„Auch du lebst von diesem Schuppen. Mach endlich.“ Elsa verschwindet im hinteren Teil des Ladens und kommt mit gefüllten, blauen Säcken nach vorne.
„Guck die Klamotten mal durch und häng sie auf. Gute Teile acht, die nicht so dollen fünf oder drei.“
„Hast du eigentlich schon mal über dein Leben nachgedacht?“, fragt Vanity und holt sich die letzte Zigarette aus ihrer Jacke. „Ich meine, so richtig.“
„Du sollst im Laden nicht rauchen, Mensch.“ Elsa ist schon wieder draußen, ordnet auf dem Bürgersteig Kleidungsstücke an einem Ständer.
„Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen“, überlegt Vanity laut.
„Ja, besonders Nehmen“, murmelt Elsa und räumt leere Kartons und Plastiksäcke weg.
„Als ich noch bei Sugardaddy wohnte …“
Elsa bleibt stehen. „Also entweder du machst jetzt was oder …“
Vanity erhebt sich mühsam, wirft die Kippe durch die Ladentür auf die Straße.
Sie nimmt sich einen Plastiksack vor und wühlt darin herum: „Wow, guck dir das Teil an.“ Sie zieht sich ein rosafarbenes Babydoll über. „In dem Ding könnte ich mich wieder Doris nennen.“

Es ist schon spät, als Elsa in die U-Bahn steigt. Selbst alle Stehplätze sind besetzt. Ein Jugendlicher beißt in einen Kebap. Geruch von Hammelfleisch. Elsa versucht sich irgendwo festzuhalten. Die Bahn hält, viele steigen aus, noch mehr wieder ein. Der Mann neben ihr riecht nach Giraffenhaus. Im Bahnhof dichtes Gedrängel. Alles strebt aus dem U-Bahnschacht. Luft. Luft.
„Stellt euch nicht so an“, raunt die Stadt „Ihr habt es so gewollt.“
Auf der Straße vor Elsas Haus stapelt Fatih Erbasan leere Obstkisten zusammen. Als er sie sieht, nimmt er eine Hand voll Feigen und hält sie ihr hin: „Hallo Elsa.“ „Danke.“ Sie nimmt die Früchte, beißt in eine hinein. „Wie lief das Geschäft heute?“ Fatih verzieht das Gesicht. „Und bei dir?“
„Geht so.“ Sie greift sich mit der linken Hand in die blonden Haare.
Fatih lächelt. „Hast du Zeit für einen Tee?“
„Cay?“ lächelt Elsa.
„Ja, Cay.“ Der junge Türke zeigt mit der Hand auf seine Ladentür.
„Nee, muss los. Adrian wartet.“
„Lass ihn warten“, sagt Fatih „Er lässt dich auch warten.“
„Wie kommst du darauf?“ Elsa verschluckt sich.
„Weil ich es sehe, jeden Tag.“ Er gibt den Obstkisten einen leichten Stoß mit dem Fuß.
„Das kommt dir nur so vor.“ Elsa lächelt ihn wieder an und geht über den Hof ins Hinterhaus. Drei Kinder kommen ihr entgegen, reißen sie fast um, die restlichen Feigen fallen auf den Boden. „Hee, aufpassen.“ Elsa steigt die Treppen hoch.
Als sie die Tür aufschließen will, merkt sie, dass die nicht verschlossen ist.
„Bist du schon da?“, ruft sie in den Flur. Niemand antwortet. Im hinteren Zimmer sind Geräusche zu hören. Sie geht zu der verschlossenen Tür, öffnet sie leise. Adrian und eine unbekannte Frau sind zu vertieft, um sie wahrzunehmen. Beide liegen in eindeutiger Position auf seinem Sofa. Sie glaubt zu ersticken, hat die Luft angehalten, schließt dennoch die Tür ganz leise wieder. Nicht leise genug. Beide auf dem Sofa schrecken hoch. „Elsa, warte mal …“, ruft Adrian. Er bindet sich eine herumliegende Decke um und rennt hinter ihr her. An der Wohnungstür kann er sie aufhalten. „Du hast es doch gewusst, oder?“ Er hält sie mit der rechten Hand fest, die Linke versucht, die rutschende Decke zu greifen.
„Nein, lass mich los.“
„Komm, es war doch schon lange nichts mehr zwischen uns.“
„Lass mich los!“ schreit sie und rennt aus der Wohnung, aus dem Haus. Als sie über die Straße will, kann ein Auto im letzten Moment halten. „Bescheuert, was?“, brüllt der Fahrer aus dem Auto heraus, prescht davon. Elsa sinkt zusammen und heult. Eine Hand legt sich auf ihre Schulter. Es ist Fatihs Hand. Sie lässt sich von ihm aufhelfen. „Komm mit“, sagt er. Beide gehen in den Laden. Fatih schließt ab. „Ich habe deinen Freund gesehen mit … schon oft. Du bist zu schade für ihn.“ Elsa heult. Der junge Mann macht einen Tee. Als er drei Stunden später die Lichter löscht, bleibt sie bei ihm.
Die Stadt ist zufrieden und bläst die Laterne aus, die direkt vor dem Haus wacht und noch nie kaputt war.
„Musste das sein?“ Die Frau in Adrians Arm bläst Zigarettenqualm in die Luft.„Irgendwann musste sie es doch erfahren. Heute war eine gute Gelegenheit.“
„Du bist brutal“, sagt die Frau und nimmt ihre Sachen, verschwindet damit ins Badezimmer. Sie kennt sich aus hier.
„Willst du nicht bleiben?“, ruft er durch die Tür „Elsa kommt bestimmt nicht mehr. Heult sich irgendwo aus.“
„Nein“, tönt es dumpf aus dem Bad. Die Frau kommt wieder heraus, stellt sich vor den Flurspiegel, kämmt sich mit den Fingern durchs kurze Haar und malt die Lippen nach.
„Wozu machst du das?“ raunt Adrian und hält sie von hinten fest. „Du sollst keine anderen Typen anmachen.“
„Ich mache an, wen ich will“, sagt die Frau, drückt seine Hände weg und zieht sich die Jacke an.
„Ich bringe dich.“ Adrian greift zu seiner Jacke an der Garderobe.
„Nein“, sagt die Frau und geht zur Tür „Du bleibst hier.“
Sie rennt auf die Straße, blickt zum türkischen Obstladen. Es ist alles dunkel. Die Straßenlaterne scheint kaputt. Sie geht ein paar Schritte, winkt einem Taxi zu. Im Halten öffnet der Fahrer das Fenster: „Wo soll’s hinjehen?“ Sie steigt ein, und er braust davon. Die Frau holt ein Handy aus ihrer Tasche und beginnt zu telefonieren: „Ich komme jetzt nach Hause. Ja, jetzt schon. Ich gehe nicht mehr zu ihm. Nein, bestimmt nicht. Was? Ja, jetzt gleich … Können sie mich da vorne aussteigen lassen?“ Sie tippt dem Fahrer auf die Schulter.
„Jeht klar.“ Er sieht ihr nach, wie sie im Dunkel verschwindet. Der Fahrer startet wieder, fährt ein paar Straßen weiter und hält an.
„Morjen Maxe.“ Eine brünette Frau kommt aus einem Mietshaus auf ihn zu, rennt weiter.
„Lass dir nich klaun, Elisabeth“, ruft er ihr nach und packt seine Brote aus.
Zufrieden räkelt sich die Stadt. Fast hätte sie verschlafen. Sie pustet die Laternen aus und weckt ihre Leibeigenen.
Elisabeth rennt zum ersten Bus am Morgen. Jeden Tag sitzt um diese Zeit der Penner auf den Stufen der Wäscherei, neben sich einen Pappteller. Ab und zu wirft Elisabeth eine Münze darauf. Heute nicht, da sie es sehr eilig hat. Der Penner sieht ihr nach, überlegt, ob es im Bus wohl schon geheizt ist. Eine Gruppe Lachender erweckt seine Aufmerksamkeit. Sie kommen langsam die Straße hoch, haben eine Flasche, die von einem zum anderen wandert. „Dann habe ich dem Kellner in den Arsch getreten …“, lacht einer von ihnen. Er trägt einen feinen schwarzen Anzug, sein Hemd ist bis auf die Brust aufgeknöpft, eine Samtfliege baumelt rechts am Hals. Die anderen kichern, können kaum weitergehen. Als sie auf der Höhe des Penners ankommen, beginnt das offene Hemd in seiner Hosentasche zu kramen. „Och, guckt mal da …, der Arme“, gickert eine Frau in weißem Pelz. Der suchende Mann wird nicht fündig, torkelt etwas, als er dem Sitzenden seine Champagnerflasche hinhält: „Da, sollst nicht leben wie ein Hund.“ Er schüttet die Flüssigkeit auf dem Boden. Alle lachen, ziehen weiter. Ihre Stimmen sind noch lange zu hören. „Sie brauchen dich“, flüstert die Stadt. „Du bist wichtig für sie, damit sie sich gut fühlen können.“
Der Geruch des Alkohols steigt dem Penner in die Nase. Da er noch nichts gegessen hat, kommt’s ihm vor, als würde es ihn betrunken machen. „Weiß ich noch, wie ich heiße?“, denkt er. Er stellt sich die Frage jeden Tag. Er hat sich geschworen, seinen Namen niemals zu vergessen, denn der ist ihm noch geblieben. „Richard, glaube ich.“ Er überlegt angestrengt. Schnellen Schrittes kommt ein junger Mann die Straße herauf. Er bleibt stehen: „Wie geht’s dir heute?“, fragt er den Mann auf der Treppe und gibt ihm eine Tüte mit Brötchen in die Hand „Willste nicht mitkommen? Ich fahre nach Britz in die Papierfabrik, fünf Euro die Stunde. Los, komm.“
„Die nehmen mich nicht,“ sagt der Sitzende.
„Faule Ausreden, Mann. Ich muss los. Biste abends noch hier?“ Der junge Mann verschwindet im U-Bahn-Schacht, rennt die Treppen hinunter, schafft gerade noch die Bahn, die bereits die Türen schließt. Die Fahrt ist lang. Zunächst muss er stehen, erwischt dann aber einen Platz. Neben ihm sitzt ein dicker Mann. Immer wieder reibt der sich schnaufend die Schweißperlen von der Stirn. Der junge Mann blickt sich um. Einige Gesichter sieht er jeden Tag, manche sind neu. Ihm gegenüber hält eine Frau eine Zeitung vor ihr Gesicht, sodass er etwa auf Augenhöhe die Schlagzeile „Blutrache in Neukölln“ lesen kann. Der Zug hangelt sich durch die Stationen, macht dabei eintönige Geräusche. Der junge Mann wird müde. Ab und zu nickt er weg, schreckt immer nur dann auf, wenn die Bahn ruckartig hält. Die Neuköllner Blutrache macht knisternde Geräusche. Mit geschlossenen Augen vermutet er, dass die Frau gegenüber die Zeitung zusammenfaltet. Er blickt kurz hoch und lächelt, weil sie sich fast umbringt mit den einzelnen Seiten, die der Reihe nach auf den Boden fallen.
„Gleich gibt’s eine Blutrache in der U-Bahn“, sagt er, und sie lächelt zurück. Er hilft ihr beim Aufheben der Blätter.
„Danke“, sagt sie. „Ach, entschuldigen Sie, kennen Sie sich aus in der Stadt?“
„Na klar.“ Er weiß noch nicht, ob er sich freuen soll über diese Begegnung. Sie kramt einen Zettel hervor, auf dem eine Adresse zu lesen ist.
„Wissen Sie, wo das sein könnte?“, fragt sie, und ihr Gesicht verfärbt sich leicht, als sie ihn ansieht.
„Das ist auf meinem Weg. Sie müssen nun leider mit mir mitkommen bis zu meiner Haltestelle.“, antwortet er und blickt aufgeregt zur Seite. Wie gut, dass ich diese Bahn noch geschafft habe, denkt er, und wie gut, dass sie nicht weiß, wo ich arbeite.
„Arbeiten Sie dort?“, fragt sie.
„Nein, ich besuche jemanden.“, antwortet er. „Und Sie?“
„Ich soll mich da vorstellen in einem Drogeriemarkt. Ich bin neu in der Stadt, suche eine Stelle.“
„Ich heiße Robert“, sagt er. Sie lächelt. „Und ich Berta.“
Die Stadt genießt befriedigt, wie Busse und Bahnen durch ihren Körper jagen und angenehmes Kribbeln erzeugen. Die Menschen kitzeln wie Ameisen. Sie streckt sich und ächzt dabei, dehnt sich und atmet tief durch. Technisches Versagen war es nicht, sagen die Menschen dann immer, wenn in solchen Momenten eine Jahrmarktsgondel aus ihren Halterungen springt. Das U-Bahn-Abteil mit Robert und Berta macht in diesem Augenblick einen kleinen Hopser, aber beide glauben, dass das am großen Glück liegt, den anderen getroffen zu haben.

Marlene Pardeller – Insussuration in French

Böhmische Dörfer

Morgendlicher Spaziergang durch den Park. Ich überhole zwei ältere Frauen und schnappe auf, wie die eine die andere fragt, ob diese ihr bei einer Häkelarbeit behilftlich sein könnte. „Meine Liebe, ich konnte noch nie gut häkeln oder stricken. Das sind für mich böhmische Dörfer.“ Böhmische Dörfer. Diese Wendung gebrauchen wir, wenn wir von etwas keine Ahnung haben – oder haben wollen. Soweit klar, aber was haben Unwissenheit oder Desinteresse mit Dörfern in Böhmen zu tun?

Ein kleiner Abstecher in die Geografie: Böhmen ist eine Region in Tschechien, die im 16. Jahrhundert sogar Königreich war. Westlich liegt Deutschland. Okay, prima. Und jetzt zur Sache: Trotz dieser Nachbarschaft unterscheiden sich die deutsche und die tschechische Sprache sehr. Der Deutsche hatte schon immer Probleme vor allem mit böhmischen Ortsnamen, konnte sie einfach nicht aussprechen. Für mich sind das böhmische Dörfer. So begann er schließlich auch auszudrücken, dass er von einer Sache nichts versteht …

Die Tschechen haben übrigens eine ähnliche Redewendung: Sie sprechen von spanischen Dörfern (die allerdings sind von Tschechien aus gesehen richtig weit weg) … Und auf Englisch sagt man bei etwas Unbekanntem It’s Greek to me (Das kommt mir Griechisch vor).

Aber letztlich ist es ganz egal, ob böhmische Dörfer oder doppeltes Niederländisch: Die ältere Frau aus dem Park hat vom Häkeln einfach keine Ahnung.

Kein böhmisches Dorf, dafür aber tschechisches Prag: Musiker auf der Karlsbrücke

Allein unter „Oldies“

Ich erwarte wirklich das Schlimmste: eng aneinander gedrängte Menschen, grölende Twentys, besoffene Thirtys. Und dabei hätte ich es eigentlich besser wissen müssen: Supertramp kennt nicht jeder – und schon gar nicht in meinem Alter. Als ich ihr am Wochenende von dem bevorstehenden Konzert berichtete, schaute mich eine Freundin fragend an. Und dann: „Wer bitte? Wer ist denn Supertramp?“

Mein Süßer und ich betreten die O2 World Arena. Wir schauen uns um – und dann uns gegenseitig verwirrt an: Sitzplätze, wohin das Auge blickt. Nichts mit Stehen, Gedränge und Gegröle. Freundliche Platzanweiser, keine überlangen Schlangen an den Bier- und Imbissständen. Gediegen. Ja, es geht gediegen zu hier.

Und betrunken scheint auch nur mein ältlicher Sitznachbar zu sein. Jedenfalls riecht er stark nach Bier – oder riecht nach Starkbier. Wie mans nimmt. Seine etwa 40-jährige Freundin hängt mehr in den Sitzen als dass sie sitzt. Oh je. Die haben sich ja mächtig vorgefreut.

Es geht los. Keine Vorband. Ganz nahtlos. Volles Programm auf einen Schlag. Die Musiker sind großartig. Ich bin berührt, kannte ich sie doch bisher nur von CD. Alle sind sie älter als mein Vater, vermute ich. Ich schaue mich genauer um. Was ich sehe, ist faszinierend: Weit und breit kein anderer Mensch um die 20 oder 30.

Und dieses Strahlen in den Augen des Publikums! Woran sie wohl denken? Ich stelle sie mir allesamt abrockend zu Supertramp in den 80ern vor. Das gab bestimmt ein ziemlich cooles Bild ab. Mein Liebster ahnt sicher, woran ich denke und grinst mich an. Vielleicht hat er gerade das Gleiche gedacht.

Die „Oldies“ wippen und klatschen, aber niemand steht auf. Oder traut sich, aufzustehen. Aber ich sehe an ihren Gesichtern, dass sie es ganz unbedingt wollen.
„Det is echt ’ne Schande, dass man jezwungen is, zu sitzen, wa?“ Mein betrunkener Sitznachbar mir zur Linken hibbelt mächtig rum. Bei Take The Long Way Home steht er endlich auf und tanzt los. Wie ein Wilder. Ein paar andere machen es ihm nach. Der Liebste und ich machen mit. Die Musik ist wirklich zu gut, um sie im Sitzen zu genießen.

Mein Sitznachbar pfeift schrill, es geht mir direkt ins Ohr. Ich schaue vielleicht ein bisschen zu mahnend zu ihm rüber.
“Sorry ey. Ick find‘ die so jut. Ick hör die jetz schon seit 30 Jahre. Die Jungs sind einfach so jut! Ick war schon auf 15 Konzerte.” Er strahlt bis über beide Augen. Ja, die glänzen richtig. Ich lächele und pfeife endlich mit. Er schaut beeindruckt. „Na siehte, jeht doch!“

Das Konzert neigt sich dem Ende entgegen. Die “Jungs” verschwinden von der Bühne.
„Wie, wars das schon?“ entfährt es mir.
“Nee”, sagt der Nachbar, als er meine Enttäuschung sieht, “da jeht noch wat. Die ham noch nich Dreamer und Crime Of The Century jespielt. Dit fehlt noch – mindestens!” Ach so. Das beruhigt mich. Ich habe diese Band noch nie live spielen sehen und hören. Einfach stark, was die abliefern. Ich will mehr davon!

Auf Dreamer folgt tatsächlich Crime Of The Century. Aber es bleibt gesittet. Bis zum Ende. Einzig ein paar mehr Leute sind aufgestanden und tanzen.

Und dann beschleicht mich ein klitzekleiner und durchaus nicht unangenehmer Gedanke: Ich finde es gut, kein Bier in den Haaren zu haben und keine Schokolade am Ärmel. Ich glaube, ich bin ein bisschen älter geworden. Und irgendwie liebe ich das.

Handyfoto: SUPER Supertramp