Wie ein Chefarzt zum „Arzt ohne Grenzen“ wurde

Quakenbrück. Vor zwölf Jahren erhielten Mediziner der Organisation Ärzte ohne Grenzen den Friedensnobelpreis für ihre humanitäre Arbeit weltweit. Dr. Matthias Grade ist einer von ihnen. Heute ist er Chefarzt der Abteilung Gastroenterologie, Allgemeine Innere Medizin und Infektiologie im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück (CKQ). Mit seiner Frau und den drei Töchtern lebt er in Cloppenburg. Der gebürtige Hamburger erinnert sich oft und gern an seine Auslandsaufenthalte und die Einsätze im Rahmen der Organisation. Wir haben den 45-Jährigen zu einem Gespräch im CKQ getroffen.

Dr. Grade, wollten Sie schon immer Arzt werden?
Als ich neun Jahre alt war, starb mein Wellensittich. Er lag tot in seinem Käfig. Da habe ich einen Strohhalm genommen und versucht, den Vogel durch den Schnabel wiederzubeleben. ‚Du schaffst das‘, sagte ich zu ihm, aber er war wohl schon ein paar Stunden nicht mehr am Leben. In diesem Moment kam in mir der Wunsch auf, Arzt zu werden. Ein anderer Aspekt: Ich fand Medizin schon als Junge total spannend und wollte mehr darüber erfahren. Zwischendurch wollte ich mal Polizist werden, aber das ist meinem idealisierten Arztbild schnell gewichen.

Und wie sind Sie später auf Ärzte ohne Grenzen gekommen?
Ich reise für mein Leben gern, könnte immer unterwegs sein. Am liebsten würde ich eine Weltreise machen. Im Studium habe ich in Südafrika im Ausland famuliert, also ein Praktikum gemacht. Das war ein Schlüsselerlebnis. Ich wollte dort sein, wo die Versorgung nicht optimal ist. Dann habe ich in Kapstadt mein praktisches Jahr gemacht. Im Mai 1995 war ich fertig, und im Herbst sollte ich meine neue Arbeitsstelle in Hamburg antreten. Da war also eine gewisse Zeit zu überbrücken. Ich sah dann den Aufruf „Ärzte für Ruanda“ und reiste kurzerhand nach Afrika. Circa zwei Monate war ich innerhalb der Organisation Care dort in den Lagern. So ging das dann weiter. Und 1997, nach meinem Diplom für Tropenmedizin, war ich im Rahmen von Ärzte ohne Grenzen ein halbes Jahr in Sri Lanka.

Was ist besonders an der Organisation, und kann jeder Arzt ein „Arzt ohne Grenzen“ werden?
Auf jeden Fall muss man dazu bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Ein bis zwei Jahre sollte man beispielsweise als Arzt gearbeitet haben und tropenmedizinische Kenntnisse mitbringen. Englische Sprachkenntnisse sind natürlich auch erforderlich – idealerweise spricht man noch eine zweite Fremdsprache. Vor der Reise ins Ausland sollte man sich schon über Land, Leute und Kultur informieren. Toll finde ich an Ärzte ohne Grenzen, dass in humanitären Krisengebieten sofort geholfen wird. Rescue- und Evaluierungsteams sind innerhalb von wenigen Stunden vor Ort. Ärzte ohne Grenzen müssen absolut unparteiisch sein – sowohl gegenüber Religionen und Regionen als auch Ethnien. Im Flüchtlingslager in Sri Lanka haben wir gleichzeitig unterdrückte Tamilen und Singhalesen als Aggressoren versorgt.

Für die humanitäre Arbeit weltweit hat Ihre Organisation den Friedensnobelpreis erhalten. Wie haben Sie reagiert?
Zu diesem Zeitpunkt war ich Assistenzarzt der klinischen Abteilung im Tropeninstitut in Hamburg. An einem Tag im Dezember 1999 hatte ich gerade eine Nachtschicht hinter mir und war ziemlich müde. Es kam ein Anruf: „Herzlichen Glückwunsch zum Nobelpreis“‘. Ich habe zuerst gar nichts verstanden. Erst als mein Kollege ins Zimmer kam und mich aufklärte, wurde mir klar, worum es eigentlich ging. Das ist schon eine tolle Sache und hat eine große Symbolik. Dennoch ist unsere Arbeit nur Bruchstück eines gemeinsamen Werks.

Hatten Sie keine Angst vor Übergriffen in den Krisengebieten?
Nein, überhaupt nicht. Wir wurden nie angegriffen. Manchmal wurden in Asien sogar die Gefechte unterbrochen, damit wir durchkamen. „Sorry, we are going to stop the attack“, wurde dann gesagt. Und danach ging es weiter. Das ist völlig absurd, aber so lief das.

Viele Menschen auf der Welt leiden. Wie gehen Sie mit dieser Gewissheit um?
Es gibt Situationen, in denen es schwerfällt, damit umzugehen. Wenn Kinder sterben zum Beispiel. Oder wenn Kindersoldaten in Kriegsgebieten wie Ruanda morden. Bei Naturkatastrophen kann man niemandem die Schuld geben. Das ist etwas anderes als in einem Krieg. Das Gute ist, dass wir Helfer immer in der Gruppe unterwegs waren. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so sagt man. Und man kann dann über vieles reden. Das hilft schon sehr. In Ruanda war ich bereits 1994, aber an bestimmte Dinge denke ich noch heute oder träume von ihnen. Ich verarbeite das ohnehin immer erst hinterher. Vor Ort arbeite ich und blende es aus. Unsere Helfer haben seit ein paar Jahren die Möglichkeit, psychologische Unterstützung zu erhalten. Das ist oft auch nötig.

Sind Sie noch immer im Rahmen von Ärzte ohne Grenzen im Ausland unterwegs?
Nein, denn ein Projekt der Organisation dauert wenigstens ein halbes Jahr, und ich habe hier inzwischen Familie und eine feste Stelle als Chefarzt im CKQ. Allerdings reise ich seit 2004 im Rahmen einer Initiative des DAAD einmal im Jahr nach Indonesien. Wir führen vor Ort eine Vorlesungsreihe über Tropen- und Infektionsmedizin durch. Das läuft über die Uni Göttingen. Anlass war der Tsunami 2004. Es handelt sich hierbei auch um eine Art Entwicklungshilfe.

Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihren Auslandsaufenthalten ziehen?
Dass es uns in Deutschland wirklich gut geht. Wir haben zwar auch Schwierigkeiten zu bestehen. Aber die sind ganz anderer Natur.

Liebt das Reisen: Dr. Matthias Grade

Mit Spaß zum Lernerfolg

„Nichts ist schlimmer, als ein Kind beim Schwimmunterricht unter Druck zu setzen“, sagt Oliver Marschall und schüttelt den Kopf. „Damit macht man eine ganze Menge kaputt und – schlimmer noch – erreicht genau das Gegenteil: Das Kind hat Angst und möchte nicht mehr zum Kurs.“ Der geprüfte Schwimmmeister für Bäderbetriebe bringt seit zwei Jahrzehnten Kindern im Hallenbad Quakenbrück das Schwimmen bei.

„Viele Eltern möchten ihre Kleinen schon im Alter von vier Jahren zu uns bringen. Das ist aber viel zu früh, da die motorischen und mentalen Fähigkeiten dann noch gar nicht ausreichend vorhanden sind. Arme und Beine in dem noch fremden Element Wasser zu bewegen: Das geht ab sechs Jahren deutlich besser.“ Oliver Marschall weiß, wovon er spricht: Etwa 1.000 Schüler hatte er bisher – eine Zahl, auf die der gebürtige Badberger stolz ist: „Mein Beruf hat mir schon immer Freude gemacht, vor allem das Arbeiten mit Kindern.“ Und das nimmt man dem 36-Jährigen mit dem jungenhaften Grinsen sofort ab. „Mit Kindern arbeiten bedeutet auch, selbst ein Stück weit Kind zu sein, sonst wird das nichts“, lacht der passionierte Schlagzeuger und Percussionist der Badberger Sambagruppe „Landaya“.

Als Oliver Marschall gegen neun Uhr an diesem Dienstagmorgen den Nichtschwimmerbereich betritt und „seine“ 26 Kinder Augen sieht, strahlt er über das ganze Gesicht. „Diese Kinder hier machen einen Crashkurs, der zwei Wochen lang geht. Jedes Training dauert dabei eineinhalb Stunden. Es gibt aber auch Nachmittagskurse, die sich über fünf Wochen erstrecken“, erklärt er.

Die Schüler springen ins Wasser und schauen erwartungsfroh zu ihrem Lehrer hoch. Der stemmt die Arme in die Hüften. „Soll ich etwa auch ins Wasser?“, ruft Oliver Marschall. „Jaaa!“, brüllen die Kleinen im Chor. „Na, das hab ich mir gedacht!“ Und mit dem Hinterteil voran wirft sich der Schwimmlehrer ins Wasser. Die Kinder feixen. Dann wird es etwas ernster: Es folgt die erste Übung. Doch für die Kids scheint das noch immer Spaß zu sein. „Es prasseln so viele neue Eindrücke auf sie ein: ein fremder Schwimmlehrer und eine in ihren Augen riesige Halle. Erwartungsdruck ist also absolut fehl am Platz. Die Kinder sollen Freude am Lernen empfinden, das Druckwort ‚Seepferdchen‘ fällt deshalb nicht ein einziges Mal während des gesamten Kurses“, betont Oliver Marschall.

Mit dem Rücken zum Beckenrand strampeln die Kleinen jetzt kräftig mit den Beinen, dass es nur so spritzt. „Diese Übung zeigt mir, wie die Kinder damit umgehen, Wasser ins Gesicht zu bekommen – und wie weit sie mit der Beinarbeit sind – das ist ganz wichtig beim Schwimmen“, erklärt der Schwimmmeister. Er und sein Kollege Sebastian Hübner gehen zu jedem Kind und loben es oder verbessern etwas an seiner Haltung. „Jeder braucht eine ganz individuelle Behandlung, weil jeder anders ist und anders lernt. Ich lehne einheitliche Muster bei Schwimmkursen ab, denn jedes Kind soll sich frei entwickeln dürfen.“

Vor jedem Kurs sucht Oliver Marschall das persönliche Gespräch mit den Eltern, „um den Hintergrund und Charakter des Sohns oder der Tochter besser zu verstehen und entsprechend darauf einzugehen. Wenn ich den Schüler etwas besser kenne, bekommen die Eltern auch kleine Anweisungen von mir, zum Beispiel, wie zu Hause mit dem Thema Schwimmen umzugehen ist.“ Auch holt er sich regelmäßig psychologischen Rat ein, „denn das gute Zusammenspiel von Seele und Körper ist auch beim Schwimmen ganz wichtig.“

Plötzlich lacht Oliver Marschall – und erzählt die Geschichte von einem Jungen, der vor Jahren einmal bei ihm gelernt hat. „In der letzten Stunde ermunterte ich ihn, vom Dreimeterturm zu springen. Er zögerte nicht, tat es und hatte sehr viel Spaß. Ich sah danach zu seiner Mutter rüber, sie war kreidebleich im Gesicht. Ich ging zu ihr, und sie erzählte mir, dass ihr Sohn seit einem Jahr wegen Höhenangst in Therapie sei. Sie war sehr glücklich und umarmte mich.“ Oliver Marschall grinst. „Das ist eines meiner Lieblingserlebnisse, seit ich Schwimmmeister bin. Es ist klasse, etwas zu bewirken und Kindern etwas fürs Leben beizubringen.“


Oliver Marschall inmitten „seiner“ Kinder: In einem Crashkurs erlernen sie das Schwimmen.
(Dieser Artikel ist am 22. Oktober 2011 im Bersenbrücker Kreisblatt (NOZ) erschienen.)

Leg einen Zahn zu!

Die Sonne scheint ganz wunderbar an diesem Herbsttag im Oktober. So lässt sich ein Tag doch prima an. Ich bin gerade dabei, eine Reisereportage zu beenden.  Zufrieden klicke ich auf das Symbol mit der Diskette. Fertig!

Aber was ist das? Der Speichervorgang dauert irgendwie länger an, als er normalerweise tut. Oh, wahrlich: Das ist nichts für ungeduldige Menschen. „Geduld ist eine Tugend“, brabbele ich vor mich hin und wackele mit dem Knie. “ Geduld ist eine Tugend, die ich nicht habe!“ Ich meckere vor mich hin.  „Mann! Leg doch mal einen Zahn zu, Du lahme Kiste!“ Sogleich entschuldige ich mich bei meinem treuen Arbeitsgerät und streichele es sanft. Das muss doch Glück bringen.

Dann halte ich inne und lasse den Rechner einfach mal machen. Einen Zahn zulegen.  Eigentlich klingt das seltsam. Irgendwie doof auch. Warum sollte sich ein Computer Zähne zulegen? Ein Rechner mit Gebiss, irgendwie hat das was. Ich stelle mir vor, wie ich in dieses eine CD schiebt … Haha! Ich lache laut auf. Und dann recherchiere ich (hurra, es lebe das Smartphone!), weil es mich jetzt doch interessiert, woher diese merkwürdige Redewendung stammt.

Aha: Die Phrase geht auf das Mittelalter zurück. Warum war mir das klar? Damals kochten die Frauen in den Küchen ja über offenem Feuer. Herde gab es ja noch nicht. Der Wärmeregulierung diente damals ein so genanntes „Kräuel“, das über dem Feuer hing. Das war ein Gerät aus Metallstreifen mit Zacken. Man nannte sie auch „Zähne“ und hängte die Töpfe da ein. Mit Hilfe dieser Zähne konnte man den Kessel höher (weiter weg vom Feuer) oder eben tiefer (näher an das Feuer heran) hängen.

Einen Zahn/einen Zacken zulegen bedeutete also nichts anderes, als dass man den Kessel eine Stufe tiefer hängte. Auf die Weise wurde das Essen dann auch schneller fertig. Im Laufe der Zeit verwendete man diesen Spruch dann auch, wenn etwas (also nicht nur das Essen) schneller gehen/fertig werden sollte. (Zum Beispiel dann, wenn der Lebensgefährte imorgens im Bad wieder einmal viel zu lange braucht oder so.)

Ich schaue wieder hoch auf den Rechner. Er ist fertig mit dem Speichern.
Da fällt mir spontan noch ein: In der Ruhe liegt die Kraft.
Wie wahr, wie wahr …

Brauchen keinen Zahn zulegen, sind schnell genug: Stockcars in Action.

Leben mit Jungs