Archiv der Kategorie: Sprache

Kleiner Klugscheißerdialog

Beim Sonntagsfrühstück. Mein kleiner K. kippt den Wasserbecher um. Weil das bei beiden Kindern gefühlt andauernd passiert, entfährt mir leider etwas barsch: „Manno, wirf doch nicht immer den Becher um.“
Ich bin nicht stolz darauf, bereue das Gesagte sofort (außerdem ist es nur Wasser), aber noch bevor ich es abmildern oder mich bei K. entschuldigen kann, folgt sie auch schon: die gnadenlose Interjektion.

P.: „Mama??“
Ich: „Mhm?“
P.: „Wirklich immer? Macht der K. das immer?“
Ich (seufzend): „Nein, natürlich macht er das nicht immer. Manchmal aber eben schon  … “
P.: „Mama, nein. Dann musst Du das auch so sagen: K., wirf doch nicht manchmal den Becher um.“
Ich: „Äh … “ Ich halte inne, bin platt. Er hat recht … „Da hast Du recht.“
Tja. Ich fühle den unsichtbaren Spiegel förmlich vor meinem Gesicht. Der Bengel kommt eben ganz nach mir.

Am seidenen Faden

„Mama, gleich hab ich gewonnen, ich brauch nur noch eine Drei!“, triumphiert zappelig mein vierjähriger Sohn, etwas zu früh, wie ich finde. Die Würfel sind ja noch nicht endgültig gefallen …
„Na, warte mal ab. Dein Sieg hängt am seidenen Faden! Lass mich eine Sechs würfeln, dann noch eine … “
„Mama, was heißt ‚am seidenen Faden‘?“ Stirnrunzeln seinerseits.

Gute Frage. Soviel ist schon mal klar: Hängt etwas „am seidenen Faden“, ist es nicht sicher, es ist gefährdet. Wie ein dünner Bindfaden eben, der beinahe zerreißt. Aber woher stammt der Spruch eigentlich?

Ich lese noch einmal genauer nach: Damokles aus der griechischen Sage bewunderte und beneidete seinen Herren, den Tyrannen Dionys, um seine Macht. Er müsse doch deshalb der glücklichste Mensch auf Erden sein! Kurzerhand bot Dionys seinem Schützling an, seinen Platz an der königlichen Tafel einzunehmen. Ein Rollentausch quasi. Über Damokles‘ Haupt ließ der König ein Schwert aufhängen, das nur an einem Fädchen festgebunden war. Dies, um Damokles zu zeigen, wie gefährlich so ein Amt doch war. Der junge Mann saß also speisend am Tisch und schaute irgendwann durch Zufall nach oben: Sofort verging ihm natürlich die Lust am Essen und Königsein …
Als ich fertig bin mit meiner hoffentlich kindgerechten Erklärung, würfelt mein Junge. Eine Drei.
„Gewonnen!“
Na, das war wohl nix mit dem Faden heute für mich.

Sohn 1.0 beim Spielen in einem Ärztewartezimmer.

Kindermund

Mein dreijähriger Sohn und ich spielen Kaufmannsladen. Er ist Verkäufer, ich Kundin.

„Guten Tag, ich hätte gern … äääh … was brauch ich denn … sechs Eier.“
Stirnrunzeln beim Verkäufer.
„Nein, leider kannst Du keine haben.“
„Hä? Wieso das denn, sind sie etwa schon wieder aus?“
Das Söhnchen grinst.
„Näääh, die Eier sind heute nuuur Deko!“
Eierdekoration? Ostern ist doch vorbei?
„Waaas? Ich brauch sie aber dringend zum Kuchenbacken!
Energischer Verkäuferblick.
„Nnnnein!“
„Och Mann. Dann geh ich woanders hin.“
Kurze Pause. Das Grübeln steht ihm im ins Kleinkindergesicht geschrieben.
„Neeein, Mama, mein Liiiiebewicht! Bleib hier!“
Jetzt lacht die Kundin lauthals.
„Gut gut, dann krieg ich sechs Eier, Milch, Ho- …“
„Mamaaa, die Eier sind doch nur Deko!“
Sohni versteckt die Eier hinter seinem Rücken.

Das Spiel wird durch maßloses Knuddeln und Gekichere unterbrochen.
Kindersprache ist eben einfach die beste. Oder, wie mein Kind manchmal sagt, die „guteste“.

Abwarten und Tee trinken

Ich warte. Schon so lange und nicht weniger sehnsüchtig. Worauf, das sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Auf Godot jedenfalls nicht, der kommt ja sowieso nie …
Na denn, heißt es eben weiterhin noch eine kleine Weile abwarten und Tee trinken.

Abwarten und Tee trinken: Wieder so ein Spruch, der es auf jeden Fall wert ist, hinterfragt zu werden, findet ihr nicht auch? Soviel wissen wir schon mal: Er drückt aus, dass noch etwas Geduld erforderlich ist, wo eigentlich schon längst brennende, nagende oder wie auch immer geartete Ungeduld weilt.

Verwendet wird die Phrase wohl bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts, doch woher sie stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sprachwissenschaftler vermuten, dass hinter „abwarten und Tee trinken“ eine alte Ermutigung beziehungsweise Ermahnung an Erkrankte steht, doch bitte Ruhe zu wahren und brav den verordneten Kräutertee zu trinken. Die Gesundung würde dann schon folgen.

Und ich? Ja, auch meine Ungeduld wird sicher bald mehr und mehr schwinden. Ganz bestimmt. Fürs Erste jedoch: ab in die Küche und – ganz alternativ – ein duftiges Tee-Mischgetränk zubereitet.

chai_latte… Und zwar einen „Chai Latte“. 😉

Lunte geleckt

Eine Freundin ruft an. Sie eröffnet mir, dass sie sich neuerdings total für Gartenarbeit begeistern kann. Jede freie Minute verbringt sie auf dem Hof, pflanzt dies ein und baut jenes an. „Ich hab da richtig Lunte geleckt!“, sagt sie freudig erregt. Ich runzele die Stirn, schweige. Meine Freundin sagt ebenfalls nichts. Wir merken, dass da irgendetwas nicht stimmt mit ihrem Spruch – und lachen los: Soeben hat sie die beiden Redensarten „Lunte riechen“ und „Blut lecken“ vermischt.

„Riecht“ jemand „Lunte“, erkennt er eine Gefahr rechtzeitig. Im ursprünglichen Sinne ist eine Lunte eine brennende Zündschnur, zum Beispiel an einer Sprengladung. Brennt diese runter, kann man das riechen und weiß, dass gleich eine Explosion folgt. „Blut lecken“ hingegen bedeutet soviel wie: plötzlich an etwas Gefallen finden. Hintergrund: Riechen Raubtiere oder Jagdhunde Beuteblut, wird ihr Verfolgungseifer geschürt und verstärkt.

Letztere Redensart trifft eher auf die neue Leidenschaft meiner Freundin zu. Ihre Phrase „Lunte geleckt“ finde ich aber wesentlicher besser und kreativer als die beiden erklärten. Sie bleibt auf jeden Fall in meinem Sprachgebrauch bestehen.

Gibt es in unseren Gärten nicht: Libelle im indischen Punjab.

Herbei, lieber Mai!

Ach nee, Du bist ja schon da. Und wie schön und strahlend hast Du uns gestern begrüßt – mit tollen, frühlingshaften Gerüchen und wärmenden Temperaturen. Mit Vogelgezwitscher und anderem Ohrenschmaus. Wenn das alles mal keine Wohltat für unser durch den Winter doch ziemlich stark gebeuteltes Gemüt ist.

Der Monat Mai ist uns ja unter anderem als Wonne- und Liebesmonat bekannt. Aber warum heißt der Mai eigentlich „Mai“?

Einigen Quellen zufolge ist er nach der in der römischen Mythologie bekannten altitalienischen Göttin Maia benannt (im Germanischen bedeutet Mai „jung“; das junge Mädchen etwa ist uns als „Maid“ bekannt).

Andere Quellen wiederum behaupten, die Bezeichnung Mai leite sich von „Iupiter Maius“ ab, dem wachstumbringenden Jupiter. Dem Sohn des Saturn und der Ops. Blitz und Donner soll der „Gott des Humors“ gebracht haben.

Tja, und dann gibt es natürlich noch viele weitere mögliche Erklärungen.
Suchen wir uns doch einfach die für uns am schönsten klingende aus – und genießen.

Von grünen Neunen

In nicht einmal einer Woche ist Weihnachten. „Nur noch sechs Mal schlafen“, sagen Eltern ihren Kindern jetzt gern. Es ist wirklich einfach unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und dass sich 2012 schon wieder dem Ende zuneigt. Und dabei hatte ich mich gerade erst an diese Jahreszahl gewöhnt. „Ach du grüne Neune!“, drückten damals meine Großeltern gern ihre Überraschung oder ihr Erstaunen darüber aus, „ist es denn schon wieder soweit?“. Bei meinen Eltern hörte beziehungsweise höre ich diese Redewendung nur noch selten, ich selbst gebrauche sie eigentlich nicht.

Doch warum sagt man das eigentlich so: „grüne Neune“? Die Entstehung dieser Redewendung soll mit dem Berliner Tanzlokal „Conventgarten“ zu tun haben, das im 19. Jahrhundert sehr populär war im „dicken B oben an der Spree“.  Der Sitz der Lokalität war damals in der Blumenstraße 9, doch der Haupteingang befand sich um die Ecke, im Grünen Weg nämlich. Die Berliner nannten ihren Conventgarten also schon bald liebevoll die „Grüne Neune“.

Das ist aber nur eine Theorie, die von vielen Sprachwissenschaftlern stark angezweifelt wird. Sie vermuten eher, dass es „Ach du grüne Neune!“ schon weit vor dem Conventgarten gab. Nämlich in einer Zeit, als man den Jahrmarkt-Besuchern mithilfe von Spielkarten noch ihre Zukunft las. Tja, und die „Pik Neun“ (die „grüne Neune“) war eben diejenige Kerte, die nicht immer Gutes verhieß.

grüne_neune… Bald ist schon wieder Weihnachten.

Kein Blatt vor dem Mund

Shoppen in Oldenburg. Ich stöbere in einem Klamottenladen, greife nach dem einen oder anderen Kleidungsstück, lege es mir zum Anprobieren über den Arm. „Nicht mehr als drei Teile“ steht an der Kabinentür. Ich habe ganze zehn – damit es sich lohnt eben. Ein Blick nach links und einer nach rechts: Niemand ist in Sichtweite, also schlüpfe ich unbemerkt durch die Tür.

Als ich mir gerade ein wirklich cooles, schmuddelgelbes Oberteil über den Kopf ziehe, höre ich aus der Nachbarankleide eine junge Frau in hilflosem Tonfall fragen: „Mama, wie sieht das aus? Was meinst Du, ich bin mir nicht so sicher?“ Schweigen. Offenbar mustert die Mutter ihre Tochter. Dann: „Nee, das ist nicht gerade vorteilhaft, macht Dich irgendwie dick.“

Nochmaliges Schweigen. Darauf die Tochter: „Na toll, Mutter. Du nimmst auch echt kein Blatt vor den Mund, was?“ Sie ist sauer. Ich hingegen halte mir die Hand vor den Mund, um nicht urplötzlich und unkontrolliert loszuprusten. Kichere also lediglich in mich hinein und beschließe sofort, diese Begegnung später ganz unbedingt aufzuschreiben.

Kein Blatt vor den Mund nehmen. Die Bedeutung ist klar: Man sagt jemandem ungeschönt und sehr direkt seine Meinung. Aber warum sagt man das so? Was haben Blätter mit Meinung zu tun?

Hier die Aufklärung – kurz und knackig: In Theaterstücken ging es damals bisweilen ziemlich schonungslos zu. Wer Molières Komödien oder Tragikomödien kennt, weiß, wovon ich hier schreibe: Edelmänner und Staatsleute, sogar Könige nahm er zusammen mit seinen Kollegen aufs Korn, zögerte nicht, sie auch lächerlich zu machen. Ein sehr waghalsiges Unterfangen, wie man sich nun denken kann.

Denn wer so offen seine Meinung auf der Bühne zeigte, musste damit rechnen, später persönlich und vis-à-vis Rechenschaft abzulegen. Um das zu vermeiden, versteckte man sein Gesicht hinter Masken. Doch da es zu Beginn des Theaterzeitalters noch keine Masken gab, benutzte man Blätter. Tja, und besonders mutige Mimen, die das eben nicht taten, zeigten ihre Gedanken und Gefühle mit ihrem „wahren“ Gesicht; ganz so wie die Mutter in meiner Geschichte.

Blätter gehören an – oder vom Baum – und nicht vor den Mund. Es lebe die Offenheit!

Lieblingswörter

Kürzlich habe ich auf Facebook eine Umfrage gestartet, Thema: euer Lieblingswort. Zusammen kamen die folgenden – in alphabetischer Reihenfolge:

  • Ambiguitätstoleranz
  • Autschn! (Frage: Ist das nicht eher eine Interjektion? Aber gut, Interjektionen sind ja auch Wörter – irgendwie.)
  • Begierde
  • Bier
  • Brot
  • Erfroschung (Tippfehler. Sollte eigentlich „Erfrischung“ heißen.)
  • Fiedel
  • Fußball
  • griffparat (Heißt das nicht eigentlich griffbereit?)
  • Heymistercanyoutellmethewaytothenextwhiskeybar (Ha ha.)
  • Humbug
  • ich
  • Kackbratze
  • Kaffee
  • Keks
  • Leidenschaft
  • Megalomanie (Das bedeutet übrigens Größenwahn.)
  • Mensch
  • Milch
  • Nippel
  • Nippelspanner
  • Pappnase
  • Pinkepu (Ein kleines Mädchen nennt so Pinguine, sagt die Mama.)
  • Potzblitz
  • rumgeblömert
  • quasi
  • Salagne (Schöner Wortverdreher eines 4-Jährigen, der „Lasagne“ meinte.)
  • schabeuert (Hm.)
  • Schweigefuchs
  • Spunk (Astrid Lindgren verwendet diesen Begriff in Pippi Langstrumpf. Es ist ein Kunstwort ohne konkrete Bedeutung.)
  • Stoff
  • süß
  • Urlaub
  • womöglich
  • Vermehrung
  • Zackdiebohne
  • zupf

Und was ist euer Lieblingswort?
Ich wünsche euch ein schönes, sonniges Wochenende!

„Liebe“ … Auch ein wunderschönes Wort oder? 🙂

Der König der Vögel des Schnees

Wohin man derzeit auch schnuppert – in allen Enden und Ecken steckt er: der Frühling! Vor ein paar Tagen erblickte ich am Wegesrand die ersten Schneeglöckchen. Ich habe mich so darüber gefreut – wie ein Schneekönig gewissermaßen! (Oder vielmehr wie eine Schneekönigin.)

Tja, und hä? Was ist denn nun schon wieder ein Schneekönig – ich meine wörtlich? Der Herrscher über den Schnee? Oder über Rauschmittel?
Die Antwort ist viel banaler als gedacht – schade eigentlich, ich hatte mir mehr erhofft: Ein Schneekönig ist ein Vogel (!) – der Zaunkönig nämlich. Umgangssprachlich wird dieser herrlich zwitschernde Singvogel so genannt, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten im Winter in Mitteleuropa verweilt … Der König der Vögel des Schnees! Nix mit ab in den Süden also.

Keine Zaunkönige, aber auch ganz süß: Vögel in Thailand