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„Süßes oder Saures“: trotz Corona an Halloween um die Häuser ziehen?


Es sind harte Zeiten für uns alle: Corona wütet, die Infektionszahlen steigen wieder. Wir Eltern sind angespannt – den Gedanken an den zweiten Lockdown inklusive Home-Office, Home-Kindergardening und Home-Schooling immer im Hinterkopf. Deshalb ist es mir vor allem jetzt wichtig, es uns zu Hause „hyggelig“ (Dänisch für „gemütlich“) zu machen, wo es nur geht – und trotzdem mit den Kindern an dem teilhaben zu können, was die Jahreszeiten zu bieten haben: Im Herbst gehört das Süßigkeiten-Erhaschen an Halloween einfach dazu. Normalerweise gehen Eltern mit ihren Kindern (oder größere Kids allein) von Haustür zu Haustür und fordern gruselig verkleidet Schokolade, Gummibärchen und Bonbons ein. Am letzten Oktobertag dieses Jahres wird das ja nun etwas anders ablaufen als in den Vorjahren. Wie kann das aussehen – und trotzdem schön werden? Darüber habe ich mir hier ein paar Gedanken gemacht.

Eigentlich ist es ja so: Wir ziehen zusammen los, ohne groß nachzudenken. Hauptsache laut, schaurig und spaßig. Die Kinder verabreden sich mit anderen Kids, verkleiden sich als Gespenster, Monster oder Riesenkürbisse und marschieren gemeinsam und fröhlich plappernd in freudiger Erwartung der zahllosen Süßigkeiten und eventuellen Streiche los – mit orangefarbenen Eimern in der Hand und uns Eltern als dezente Gefolgschaft im Hintergrund … Hach, was war das schön und sorglos damals …
In diesem Jahr wird unser Halloween-Spaziergang am 31. Oktober wohl wegen des Virus‘ etwas anders ablaufen als sonst – mit Mindestabstand und Mund-Nasen-Schutz (den immerhin in Form einer schaurigen Skelettmaske). Und dann?

Süßes oder Saures“ einmal anders

Wir sind eine vierköpfige Familie und leben am Rande einer niedersächsischen Großstadt. Es ist schön grün, ländlich, gute Bauernluft schwebt dann und wann heran. Mehrfamilienhäuser gibt es hier nicht viele. Darüber, dass wir uns also nicht in engen Treppenhäusern an andere Menschen drängen müssen, bin ich jetzt besonders dankbar.

Was wird wohl noch anders werden? Es wird eher kaum bis gar keinen persönlichen Kontakt zu den „Süßkramspendern“ geben: Viele Menschen werden (so auch wir) mehr dekorieren, es sich daheim hübsch und gemütlich (Entschuldigung, ich meine: gruuuselig!) einrichten. Die meisten Leute werden ihre Süßigkeiten vor der Tür abstellen und gar nicht erst öffnen. Und das ist ja auch vernünftig und zur Zeit eben für alle das Beste. Dennoch frage ich mich, wo da eigentlich der Spaß bleibt, wenn die Kids die Nachbarn nicht mit Phrasen wie „Süßes oder Saures“ oder „Gebt uns schnell was Süßes her, sonst werfen wir mit Klopapier!“ bombardieren können … ?


„Gebt uns schnell Ideen her, sonst bleibt das Beutelchen noch leer?“

Beim Schreiben kommt mir gerade folgende Idee: Ich werde unsere alte Babyrutsche vor die Tür stellen! Bahnhof? Aufklärung folgt: Klingeln dann Kinder bei uns, werden wir sie bitten, ihre Eimer oder Beutel direkt an beziehungsweise unter die Rutschfläche zu halten, um dann – tadaa! – den leckeren Süßkram direkt hineingleiten zu lassen. Das ist doch eine gute Möglichkeit, um kontaktlos und dennoch persönlich zu handeln oder? Oder diese hier: Befindet sich euer Hauseingang über einer Treppe, könntet ihr einen simplen Seilzugmechanismus einrichten, an dem die Kids ihre Behälter einhaken/festbinden können – und ihr legt dann etwas hinein (dass es bitte nur originalverpackte Süßigkeiten sein sollten, sollte natürlich klar sein … ). Wie zu Ostern könntet ihr die Süßigkeiten verstecken und an der Haustür einen Hinweis darauf geben. Oder ihr macht ein lustiges Wurfspiel daraus … Oder oder oder: Kreative Möglichkeiten gibt es da zum Glück viele.

Meine Kinder werde ich jedenfalls vor dem Loslaufen an Halloween auf alle Eventualitäten vorbereiten. Spaß haben werden wir trotzdem – egal, wie es kommt …

Und wenn jetzt schon nicht von Tür zu Tür oder Hand zu Hand, dann auf jeden Fall von Browser zu Augen: Euch allen ein wunderbares, liebevolles und schaurig-schönes Halloween!

Schritt für Schritt ins Leben …

„Mama, wann darf ich denn nun endlich mal allein zur Schule?“ P. sieht mich erwartungsvoll an, er stellt diese Frage nicht zum ersten Mal. Meine Antwort (leider auch nicht zum ersten Mal): „Nach dem Sommer sehen wir weiter. Okay, Schatz?“ Hoffentlich komme ich noch einmal damit durch … Mein fast Siebenjähriger runzelt die Stirn und schüttelt energisch den Kopf. „Nein, ich will den Schulweg heute üben.“ Mist. Heute gleich? Dann wird es jetzt also wirklich ernst.

Es ist Montag, es sind Ferien, wir verreisen erst in ein paar Tagen und haben nichts weiter vor. Der fast vierjährige Bruder K. springt wie ein Flummi auf und ab. „Jaaa, ich fahr‘ mit dem Laufrad!“ Na gut: Nicht lange fackeln. Einfach machen. Kurzerhand öffne ich die Garage und lasse den erfreuten P. seinen – bepackten – Ranzen aufhuckeln. „Hihi, da wundern sich die Leute bestimmt, weil doch keine Schule ist.“ Genau. Aber: Wenn schon, denn schon.

Üben heißt das Zauberwort

Bevor wir losgehen sprechen wir noch einmal über den gesamten Weg, den wir schon seit einem ganzen Schuljahr kennen. Und wichtige Fragen: „Was passiert, wenn dich ein Fremder anspricht? Und wenn er sagt, er hat zu Hause süße Hundebabys, du sollst mal mitkommen?“ Mein ältester Sohn grinst. „Na, dann gehe ich mit!“ Der Schalk blitzt ihm aus den braungrünen Kulleraugen. Und als er mein entsetztes Gesicht sieht, muss er lachen: „Ich gehe natürlich nicht mit, Mama.“ Ich sage: Damit macht man besser keine Scherze (mich schaudert es …). „Und was machst du, wenn die Fußgängerampel ausfällt?“ (Das ist sie bisher nicht, aber man weiß ja nie …) P. überlegt kurz. „Dann schaue ich gaaanz genau nach links und rechts und dann wieder nach links.“ Prima. Guter Junge.

Jetzt geht es los!

Wir wohnen in einer Spielstraße, das ist gut. „Aber auch hier muss man immer genau auf den Verkehr achten, schon beim Verlassen unserer Auffahrt“, mahne ich. Mein Sohn. K. indessen fährt schon mal kreuz und quer auf der Fahrbahn … Ich bedeute ihm, an meiner Seite zu bleiben.

Es geht los. P. marschiert mit seinem orangeleuchtenden Schulranzen voran. K. und ich laufen beziehungsweise fahren etwa vierzig oder fünfzig Meter hinter ihm. P. macht das gut, geht sicher auf der linken Seite.

Jetzt kommen wir zur relativ stark befahrenen Querstraße, einer Vorfahrtsstraße. P. schaut, biegt links in den Fußgängerweg, hält sich dort gut und sicher, die Radfahrer kommen gut an ihm vorbei. Mein Fratz dreht sich wenige Male um und winkt. Ich winke zurück. K. winkt ebenfalls und kreischt: „Halloooo!“

Einige Meter weiter folgt die nächste Querstraße. P. weiß, dass er „Vorfahrt“ hat, schaut dennoch nach links. Ein sich annäherndes Auto aus dieser Straße hält, P. überquert. Alles paletti.

Fünf Meter weiter: die Fußgängerampel: Mein Schulkind berührt die Ampelarmatur. Als das Signal von Rot auf Grün umschaltet, guckt P. rasch nach links und rechts und wieder links und geht. Ich bin so stolz auf ihn. Der schwierigste Teil der Strecke ist geschafft.

Fast da…

Jetzt geht es nur noch durch unseren tollen Park mit Rad- und Fußgängerweg, vorbei an einem großen See (zum Glück kann P. schwimmen), einem Kletterspielplatz (Gott sei Dank ist er sportlich) und einer Oberschule (und er kann Taekwondo!).

P. macht das wirklich prima, läuft gut am Rand. Ein paarmal möchte K. zu ihm fahren, ich erkläre immer wieder geduldig, warum das jetzt nicht sein soll.

Letzte Etappe vor dem Schultor: der Zebrastreifen. Am Morgen stehen hier Lotsen, die den Kindern helfen. Jetzt ist niemand da. P. schaut, geht, er ist angekommen. Er blickt sich nach uns um und strahlt. „Mama, geschafft!“

Als ich bei ihm ankomme, lobe ich ihn überschwänglich und sage, dass wir das jetzt noch ein paarmal üben. Und dass er dann allein zur Schule gehen darf. P. steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. „Jaaa!“ Und ich denke: Er geht Schritt für Schritt in die Welt hinaus … aber erst einmal allein zur Schule. Mein Kind wird groß.

Mut ist ansteckend

Als mein inzwischen fast siebenjähriger Sohn damals mit fünfeinhalb sein Seepferdchen-Abzeichen im Schwimmen machte, war das „ein Abenteuer“ für alle Beteiligten … Eine kleine Anekdote über das Mutigwerden.

Ein Intensivkurs im Schwimmen – nur wenige Wochen lang, fünfzehn Einheiten und danach der Abschluss: das Seepferdchen-Abzeichen. „Na, ich weiß ja nicht, ob das so gut ist.“, sage ich, als mein Mann mit diesem Vorschlag für unseren Sohn kommt. Ich bin ehrlich gesagt wenig angetan. Unser Fünfeinhalbjähriger ist ein eher zurückhaltender Junge, der sich in fremden Gruppen zunächst unwohl fühlt. Außerdem hat er noch nie einen Kurs allein besucht. Wir lassen ihn trotzdem auf die entsprechende Warteliste setzen. Es kann ja noch dauern, bis P. an der Reihe ist …

Als dann spontan ein Platz frei wird, fragen wir unseren Jungen erst einmal und sind etwas überrascht, als er sagt: „Jaaa, das will ich versuchen!“ Hm. Die lieben Kleinen, immer wieder für eine Überraschung gut. Eigentlich hätten wir es uns aber denken müssen: Das Wasser ist einfach sein Element, das war es schon immer, bereits beim Babyschwimmen …

Eins, zwei, drei … geschafft!

Woche eins, erster Tag: Zusammen mit einigen anderen Eltern schaue ich mit P.s kleinem Bruder K. den Wasserratten durch die Glasscheibe im Wartebereich beim Training zu: Süß sehen die Kinder aus, wie sie da am Beckenrand einige Trockenübungen zusammen durchführen und im kühlen Nass plantschen. P. springt vom Beckenrand! Juhuuu, damit ist doch die erste der insgesamt drei Forderungen zum Bestehen der Prüfung bereits erfüllt. Ich brüste mich unmerklich.

Woche zwei, dritter Tag: Wir können leider von hier aus nicht so viel erkennen, aber es sieht am Ende der Stunde schon recht gut aus, was die Kids da machen. Sogar diejenigen, die anfangs noch Schwimmflügel tragen wollten oder vielleicht sollten, nutzen jetzt schon keine mehr. Wie die jungen Hunde sehen sie aus mit ihren nur knapp aus dem Wasser herausragenden Köpfchen …

Da! P. taucht und holt den Ring heraus! Teil zwei der Prüfung ist geschafft.

Woche drei: Der Kurs neigt sich langsam dem Ende zu: P. ist die geforderten fünfundzwanzig Meter bisher noch nicht geschwommen, das erwarte ich auch gar nicht. Er soll ja auch erst mal rein finden.

Vorletzter Tag: „Mama, weißt Du was?“, fragt mich P. vor dem Kurs. Mhmhm? „Ich möchte so gerne mal vom Dreier springen.“ Was? Meint er damit den Drei-Meter-Turm? Ja, meint er. Ich erkläre ihm, dass er das eigentlich erst darf, wenn er Schwimmer ist, also sein Abzeichen hat. Aber wenn er möchte, kann er ja mal seinen Lehrer fragen …

Stattdessen schwimmt er heute zum ersten Mal lässig seine fünfundzwanzig Meter. Wahnsinn. Wie cool ist der denn, so kurz vor dem Kursende! Ich lache laut (und die anderen Eltern gucken mich verwundert an.) Damit hat er doch sein Abzeichen schon heute so gut wie in der Tasche! Yeah, ich freue mich so für ihn und lasse K. Auf meinem Schoß herumhopsen.

Hüpf, hüpf, hüpf … Sprung!

Nach der letzten Einheit bereite ich mich entspannt darauf vor, dass P. gleich duschen und dann aus der Umkleide kommen wird …

Doch halt, was ist das? Der Schwimmlehrer entfernt das Absperrgitter an der Leiter zum Drei-Meter-Turm. Was … Er winkt P. zu sich heran. Ich sehe, wie der Erwachsene das Kind etwas fragt und wie das Kind heftig nickt. Ich stehe auf und gehe dicht an die Scheibe heran …

P. steigt die Leiter hinauf. Ich kann es nicht fassen. Langsam – aber entschlossen – gehen seine Beinchen auf das Ende des Sprungbrettes zu. Er wird doch nicht … P. hüpft gaaanz zaghaft auf und ab, er lächelt und schaut zum Schwimmlehrer. Der nickt ihm ermutigend zu.

Und dann springt mein Sohn. Platsch! Taucht wieder auf, schwimmt gemächlich zum Beckenrand, steigt aus dem Wasser und rennt zu seinem Lehrer, der ihm anerkennend auf die Schulter klopft. Toll gemacht!

So schnell, wie das Ganze passiert ist, ist es jetzt auch schon wieder vorbei.

Was mich aber besonders berührt: Fast alle anderen Kinder aus dem Kurs folgen P.s Tun. Zunächst zögerlich, aber sie wollen es anscheinend ebenfalls wissen … Platsch, platsch, platsch … Es ist ein wunderbares Bild. Alle sind total aufgedreht und hüpfen lachend auf der Stelle.

P. rennt aus der Umkleide auf mich zu – das Abzeichen und die Urkunde in den Händen. „Mama, hast Du das gesehen? Wie ich gesprungen bin?“ Ich nicke, stolz lächelnd. „Ja“, erwidere ich. „Und Dein Mut hat die anderen richtig angesteckt!“ Jetzt lächelt P. Und ist sooo stolz.

Musik macht müde Muffel munter

„Mama, ich will singen.“ Mein Dreieinhalbjähriger hopst an mir hoch und runter wie ein Gummiball. Ich selbst versuche gerade, die Wäsche zusammenzulegen. Danach wollte ich eigentlich staubsaugen, dann den Biomüll rausbringen und den Geschirrspüler ausräumen … Oben wartet noch das Badezimmer darauf, geputzt zu werden … Die Weihnachtsfeiertage liegen zurück, es gibt noch so viel zu tun.
Ich seufze, atme tiiief durch, um mich selbst zu entschleunigen. „In Ordnung. Aber nur ein paar Minuten.“ Unweigerlich muss ich lächeln. Ja, Singen ist jetzt eine wirklich willkommene Abwechslung auch für mich. Der Rest kann warten.

„Ich kann jetzt nicht singen, weil ich zu müde bin …“

Im Wohnzimmer steht das Klavier; ich klappe den Deckel hoch, lege ein Kinderliederbuch auf die Notenablage und frage den kleinsten Wirbelwind, was er denn gerne singen möchte. „In einem kleinen Apfel!“ K. krabbelt aufgeregt auf meinen Schoß, zappelt mit den Beinchen.

Der Sechseinhalbjährige ist platt vom Vormittag. „Mama“, antwortet er auf meine Frage, ob er denn mitmachen möchte, „Schule ist ganz schön anstrengend, ich kann jetzt nicht singen, weil ich zu müde bin …“ Ich nicke verständnisvoll, kann mich noch gut daran erinnern, wie erschöpft ich selbst seinerzeit war. P. fläzt sich also auf den Bauteppich, halb liegt er. „Ich bau‘ jetzt Oroboros.“
Jungsmütter wissen jetzt sicherlich sofort Bescheid: Er meint die Schlangenstadt aus seinem innig geliebten „Ninjago“-Film (Ninjas kämpfen für Gerechtigkeit). P.s Beißvipern, Würgeboas und Hypnokobras liegen schon zum Spiel bereit, sein selbstgebauter Wüstensegler ist startklar. Mein Erstklässler ist vertieft, summt aber mit.

Irgendwann steht P. dann doch auf, möchte mitsingen. Gemeinsam trällern wir Weihnachtslieder – ja, immer noch, weil wir gerade Lust darauf haben: ‚Schneeflöckchen, Weißröckchen‘, ‚Lasst uns froh und munter sein‘, ‚Alle Jahre wieder‘, … so geht es etwa eine halbe Stunde querbeet durchs Notenbuch.

„Mama, kriegen wir Kekse?“ Jawoll. Ich stehe auf und stelle übrig gebliebenen Gewürzspekulatius, Mandeln und stilles Wasser für die Kids sowie einen Kräutertee für mich aufs Klavier.

P. wünscht sich jetzt „It’s A Small World‘ – Disney. Herrlich – ein wunderschönes, harmonisches Stück, das gute Laune auf unsere Gesichter und in unsere Herzen zaubert.

Wir singen: Laut und nicht immer wohlklingend.

Wir hauen also in die Tasten und lassen unsere Stimmbänder schwingen, alle drei. Laut und nicht immer wohlklingend. Darauf kommt es uns jetzt gerade auch gar nicht an: Es tut einfach nur gut. Warum eigentlich? Der Wissenschaftler würde jetzt sagen: weil beim Musizieren beide Gehirnhälften zusammenarbeiten und jede Menge Endorphine – also Glückshormone – freigesetzt werden. Ja, das merkt man. Durch das Musizieren soll außerdem vor allem bei Kids das (zusammenhängende) Denken und die Konzentrationsfähigkeit trainiert werden.

Schon vor unglaublichen 35.000 Jahren stellte der Mensch Musikinstrumente aus beispielsweise Röhrenknochen her – ein Beweis, dass Musik uralt ist; immerhin gibt es sie in allen Kulturen und Völkern. Als Teil einer Gemeinschaft liegt uns das Musizieren förmlich im Blut.
Aber ob Musik jetzt wirklich schlauer macht? Keine Ahnung, wirklich erwiesen ist es nämlich bis heute nicht. Egal: Spaß macht sie uns allemal.

„Mama, ich bin nicht mehr müde!“ Der Sechsjährige hüpft vergnügt auf dem Sofa herum.
Aha, da haben wir es: Manchmal macht Musik auch munter.

DIY-Adventskalender aus Überraschungseier-Hüllen

Leuchtende Kinderaugen beim Geschenkeauspacken, herrlicher Duft von Rotkohl und Lebkuchen – und bitte ganz viel Liebe und Besinnlichkeit: Die Advents- und Weihnachtszeit rückt wieder näher, sicher macht ihr euch schon längst Gedanken über einen passenden Adventskalender für eure kleinen (und großen) Lieblinge, der die Zeit bis zum schönsten Fest des Jahres etwas verkürzen soll. Es soll kein gekaufter Kalender sein? Aber so richtig viel Zeit zum Basteln habt ihr eigentlich auch nicht? So jedenfalls erging es mir. Zusammen mit den Jungs bastelte ich in diesem Jahr deshalb einen Adventskalender aus Überraschungseier-Hüllen. Der Kalender ist schnell gemacht und sieht wirklich sehr süß aus.

Alles, was ihr braucht, sind viele, viele Ü-Eier-Hüllen, einen schönen (und vor allem stabilen) Zweig, Besenstiel oder etwas in dieser Art, weiterhin wasserfeste Stifte und weihnachtliche Aufkleber, jede Menge Bänder und Deko-Klammern.
Und schon geht es los.

1. Schritt
Pro Adventskalender benötigt ihr – absolut richtig – vierundzwanzig leere Überraschungseier-Hüllen, die ihr vielleicht ja gesammelt oder geschenkt bekommen habt. Da gibt es die herkömmlichen gelben, aber auch Hüllen unterschiedlicher Hersteller in verschiedenen Farben und Größen. Und alle eignen sich ganz wunderbar. Wir haben für den Nikolaustag und für Heiligabend zwei etwas größere genommen, um diese beiden Tage etwas über die anderen zweiundzwanzig zu erheben.

2. Schritt
Verziert die Eier-Hüllen, ganz wie ihr es wünscht: mit goldenen oder silbernen, roten oder grünen, wasserfesten Stiften, mit Glitzer oder Aufklebern, Weihnachtsmotiven aus Papier wie Schneemännern, Schneeflocken oder Tannenbäumchen. Meine Jungs haben sich recht schlicht für Aufkleber und Silberstift entschieden.

3. Schritt
Befüllen! Die kleinen Hüllen sind wie geschaffen, um sie mit kleinen, dafür aber feinen Dingen zu füllen. Etwas zum Naschen? Etwas zum Spielen, Basteln oder Malen? Ein Haargummi oder ein Loom-Band? Ein Radierer! Macht es spannend – und haltet es einfach; ihr wisst ja: Weniger ist für die Kleinen mehr (das gilt im übrigens auch für uns Große …).

4. Schritt
Fertig mit dem Füllen? Prima. Dann geht es weiter mit dem Aufhängen des „Weihnachtseier“ – so nennen die Jungs jedenfalls die verzierten Hüllen. Ganz toll sehen sie an einem Zweig oder Ästchen der Korkenzieher-Haselnuss aus. Es eignet sich aber auch jeder beliebige Stock oder (Besen-)Stiel dafür. Wie ihr die vierundzwanzig Kunstwerke jetzt befestigt, ist ganz euch überlassen. Mein Jüngerer schleppte Geschenkband an, der Ältere entschied, einfach das eine Ende in das Ei zu stecken und dieses zu verschließen und das andere mit einer Klammer oben an den Zweig zu binden. Wir hatten noch Klämmerchen aus den Vorjahren mit Weihnachtsmotiven auf dem Dachboden. Wunderschön sehen aber auch ganz schlichte Dekorations- oder Wäscheklammern aus – am besten allerdings aus Holz.

5. Schritt
Sucht euch einen geeigneten Ort, an dem ihr euren kunterbunten, selbstgebastelten Adventskalender aufhängt. Im Wohnzimmer sieht es wahrscheinlich am schönsten aus, eben, weil das bestimmt der Ort sein wird, an dem es im Dezember auch bei euch zu Hause am gemütlichsten und weihnachtlichsten sein wird. Vielleicht irgendwo am oder neben dem Kamin oder Ofen?

6. Schritt
Und jetzt? Könnt ihr noch ein bisschen überlegen, wenn ihr wollt – und zwar, was ihr im Anschluss mit eurem DIY-Kalender tun möchtet. Alles zusammenpacken und ab damit auf den Dachboden? Auf diesen Vorschlag hin schüttelt mein Sechsjähriger wild seine leicht gewellte Surfermatte. Findet er wohl doof. „Mama, nicht verschwenden, wiederverwenden, sagt Rocky.“ Oh klar, die Paw Patrol. „Nach dem Auspacken können wir die Eier doch an unseren Weihnachtsbaum hängen!“
Na, wenn das keine Superidee ist. Wir drei wünschen euch jetzt erst einmal frohes Basteln und dann etwas später eine ganz tolle, liebevolle Weihnachtszeit.

Mit Filz und Stift: So bastelst Du tolle Herbstuntersetzer

„Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist daaa …“
Diese Worte stammen aus dem aktuellen Lieblingslied meines sechsjährigen Sohnes. Als frisch gebackenes Schulkind hat er kürzlich die ersten Ferien seines Lebens erfolgreich hinter sich gebracht und singt nun in einem Fort die melodiösen Verse. Und das, wann immer er kann – also eigentlich fast immer: auf dem Fahrrad, während des Einkaufs, auf dem Spielplatz.
„Heia hossassa, der Herbst ist daaa!“
Und recht hat er: Die dritte Jahreszeit hat Einzug gehalten – mit all ihren Farben, Formen und Gerüchen, der goldenen Sonne – und ja, nützlicherweise auch dem Dauerregen.
Was vor mieser Laune und schlechter Stimmung schützt? Basteln mit den Kids im warmen Stübchen und bei viel Kerzenschein (natürlich unter Aufsicht) – finde zumindest ich. Hier erkläre ich Dir, wie Du mit Deiner Familie ganz einfache und dabei wunderschöne Untersetzer aus Filz fertigen kannst.

Also, in meiner Vorstellung sieht der Herbst ja so aus: Outdoor toben wir Eltern mit unseren Kids durch Laub und Pfützen, indoor genießen wir bei einem Becher Apfeltee (oder für uns Große einem Glas Glühwein) und Basteleien die abends früh einsetzende und morgens spät verschwindende Dunkelheit.
Manchmal klappt das auch wirklich mit dem Basteln – wenn meine Jungs mal nicht streiten oder ein heftiges Wettrennen durch die Bude veranstalten …
Vor ein paar Tagen fertigten wir aber ein paar tolle, herbstlaubfarbene Blätter aus Filz als Untersetzer für unsere Tassen, Becher und Gläser. Hier zeige ich Dir, wie es geht.

Schritt 1
Auf ein weißes (oder andersfarbiges) dickeres Stück Papier – am besten im A4-Format – malst Du ein größeres Laubblatt auf. Das kann eines vom Ahorn, der Kastanie, der Buche oder auch der Linde sein. Ganz egal, Hauptsache, nicht zu klein. Natürlich gibt es im Internet auch schon fertige Druckvorlagen, die ihr dann ganz einfach ausschneiden könnt.

Schritt 2
Du ahnst es schon, genau: Schneide als nächstes Dein Blatt aus und verwende es als Schablone für das Filzmaterial. Ganz herkömmliches, drei Millimeter dickes Bastelfilz reicht aus, um Deinen Untersetzer zu basteln. Wir hatten zu Hause leider nur noch dünneres; es hat aber trotzdem gut funktioniert und schützt den Tisch prima vor Abdrücken von heißer Flüssigkeit.
Halte dazu nun also Dein Papierblatt auf dem Filz fest und zeichne ganz einfach die Umrisse nach.

Schritt 3
Schneide das Blatt im Anschluss mit einer scharfen Bastelschere aus und zeichne den Rand mit Textil-Malstiften nach. Es eignen sich Dunkelbraun oder Schwarz oder Dunkelgrau. Du kannst auch gewöhnliche Filzstifte nehmen, dann allerdings wird es mit einem eventuellem Säubern später etwas schwierig … Wenn Dir Malen und Zeichnen richtig viel Spaß machen, kannst Du auf Deinem ausgeschnittenen Filzblatt auch kleine Blattadern einzeichnen, damit Dein „künstliches Naturprodukt“ etwas authentischer wirkt. Du kannst diesen Schritt des Anmalens aber auch komplett auslassen, wenn Du es lieber schlichter hast.

Schritt 4
Du bist fast fertig. Yaaaay! Macht euch nun einen Tee, Kakao und/oder Glühwein – und testet eure neuen, herbstbunten Filzuntersetzer in Blattform. Viel Spaß beim Nachmachen und Genießen!

Mamagarten?

Tag 1: Es lebe die Murmelbahn!

Es ist soweit: Mein kürzlich drei Jahre alt gewordenes „Baby“ hat heute seinen ersten Kindergartentag. Ich bleibe mit dem Kleinen, in einigen Tagen wird er dann – hoffentlich – allein hier verweilen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich aufgeregt, ein wenig traurig, aber auch erfreut: Denn ab heute werde ich nach einigen Jahren Kinder-Vollzeit-Betreuung die Vormittage nur für mich haben – na, und fürs Schreiben, den ganzen Haushalts-, Hof- und Gartenkram. Als K. noch ausschließlich zu Hause war, schaufelte ich mir während seines Mittagsschlafs oder eben abends ein paar Stunden frei, um zu schreiben. Als Freischaffende hatte und habe ich noch immer das Privileg, mir die Zeit fürs Arbeiten selbst einzuteilen und sehr viel für die Kinder da zu sein.

Glück hat auch mein Kleiner: Er kennt den Kindergarten bereits von seinem sechsjährigen Bruder (der seit ein paar Tagen ein waschechtes Schulkind ist): Es ist dieselbe Einrichtung, die gleiche Gruppe, in die K. ab heute gehen wird. Sein großer Bruder überließ ihm beim Kindergartenabschied sogar sein Gruppenzeichen: die schüchtern dreinblickende Robbe: „Möchtest Du mein Zeichen?“ – „Jaaa!“ Und mein Herz schmolz dahin.

Wir kommen an und wissen sofort, wo wir alles ablegen oder hinstellen, an welchen Haken wir die Jacke und den Rucksack hängen müssen. K. zieht sich ganz stolz allein die Hausschuhe an und bringt seine Straßenschuhe zum Regal. Es läuft gut mit mir an seiner Seite. Er baut mit den Erzieherinnen und anderen Kindern eine Murmelbahn. Um elf gehen wir nach Hause – es ist ein guter Vormittag.

Tag 2: ein erster kurzer Abschied

Heute darf ich kurz allein nach Hause gehen und eben die Regenklamotten holen. Einige Kinder wollen draußen auf dem Spielplatz mit der Wasserbahn und Booten spielen. Es ist kein Problem für K., ich komme direkt wieder und halte mich im Hintergrund zur Verfügung. Wie schön er mit der Erzieherin interagiert. Ein wenig wehmütig sehe ich den beiden beim Buddeln, Bauen und Spielen zu. Mein Kleiner ist „groß“ geworden.

Tag 4: Mamagarten?

Ich bereite K. frühmorgens darauf vor, dass ich heute nach der Verabschiedung wieder nach Hause gehen und arbeiten muss. Er will nicht in den Kindergarten, sagt er. Doch, revidiert er, er möchte schon. Aber nur, wenn ich immer mit dortbleibe. „Das geht leider nicht, Schatz. Der Kindergarten ist doch nur für Kinder“, erwidere ich. Mein kleiner Sohn beginnt zu weinen. „Mama, dann soll das ein Mamagarten werden; dann kannst du bleiben.“ Es bricht mir fast das Herz, aber schmunzeln muss ich auch, denn es klingt so süß, was er da sagt. Als wir ankommen, übergebe ich ihn der Erzieherin. Etwas zu schnell, denn K. weint. Ich gehe trotzdem um die Ecke und höre, wie er sich in Windeseile wieder beruhigt. Das fühlt sich doch schon etwas mies an. Morgen bleibe ich noch ein paar Minuten länger – bis er so weit ist.

Tag 7: zwischen den Schleich-Tieren

K. hat inzwischen eine eigene – cool, es ist auch meine! – Strategie entwickelt: Ich soll noch etwas mit in den Gruppenraum kommen, mich dann auf einen Hocker bei der Kiste mit den Schleich-Tieren setzen und dann noch etwas warten. Ein paar Minuten reichen aus, dann lässt er sich von den Erzieherinnen in ein Spiel verwickeln.

Tag 9: kurz und knapp, Mama weg

Jeden Morgen fragt mich K. viele Male, ob ich noch mit ihm im Kindergarten bleibe. Geht klar. Heute geht es aber schnell: K. geht mit seiner Erzieherin. Sie setzen sich auf einen Spielteppich und bauen prompt eine Murmelbahn, ich gehe. Und es kullern keine Tränen. Ich hingegen werde schon wieder etwas sentimental.

Tag 14: Mama, das ist doch ein Kindergarten!

Als ich heute Morgen auf dem Hocker bei den Schleich-Tieren sitze und damit herumhantiere, passiert es. K. nimmt meinen Kopf in seine Hände, schmatzt mir ein feuchtes Küsschen auf den Mund und sagt das, was ja eines Tages kommen musste. „Mama, das ist doch ein Kindergarten. Kein Mamagarten!“

Liebling, unser Kind schrumpft!

Kindchenschema adé

„Mama, nimm mich hoch!“ Mein Sechsjähriger steht vor mir und hebt weinend die Arme; lang ist er geworden, total schlaksig. Wie gut erinnere ich mich an die anstrengenden Zeiten, in denen er diese vier Worte eigentlich ständig zu mir sagte. Da war mein Sohn etwa zwei Jahre alt. Wann ist eigentlich sein Babyspeck verschwunden? Wann sind seine Gesichtszüge so gereift?

Kindchenschema adé: Mein P. ist definitiv kein Kleinkind mehr. Seit ein paar Tagen ist er ein Schulkind – und hat sich in ein Wesen verwandelt, das ich manchmal gar nicht wiedererkenne.  Was ist da los? Welchen Entwicklungsschub macht der arme Kerl da jetzt gerade wieder durch? Klar, sein Körper wächst und mit ihm sein Verständnis für die Welt. Fragen über Fragen stellt er – manchmal klingeln mir regelrecht die Ohren. Doch sein Inneres scheint zurzeit zu schrumpfen: Er benimmt sich wieder wie ein Kleinkind.

„Mama, du hast K. viel lieber als mich“

Auf dem Tisch vor mir liegt das Buch „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“. Ich bin bereit. Dann mal her mit Information und gutem Rat. Die Autorinnen Monika Kiel-Hinrichsen und Renate Kviske behaupten Folgendes: Kinder im Alter wie mein ältestes befinden sich in einer Art Pubertät, der sogenannten Wackelzahn-Pubertät, die man im Volksmund auch als „Sechs-Jahres-Krise“ bezeichnet. Jedenfalls beschreiben die Damen in dem Werk sehr anschaulich, wie wenig unser Junge aktuell allen anderen Menschen traut – und am wenigsten aber wohl sich selbst. Oho! Und genau das lässt er seine Umgebung momentan auch spüren.

„Mama, Du hast K. viel lieber als mich“, sagt er über seinen um fast genau drei Jahre jüngeren Bruder. „Mich liebst Du gaaar nicht, Du kümmerst Dich nur um den!“ Sätze wie diesen sagt er aktuell manchmal aus heiterem Himmel und schaut mich dann so seltsam an. Auf eine Reaktion wartend, abschätzend, prüfend. Da müssen wir jetzt wohl alle gemeinsam einfach durch – am besten mit viel Lachen …

Mein Kind glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich

P. kommt aus der Schule. Er ist müde. Klar, lernen ist anstrengend. Ausruhen möchte er nicht, aber mit mir spielen. Er schlägt „Mensch ärgere Dich nicht“ vor. Oh-oh. Meine Alarmglocken schrillen. Heute wird das höchstwahrscheinlich nach hinten losgehen – und nicht so sehr viel mit Lachen zu tun haben. Erste Runde. Mein Sohn verliert – und die Erde bebt. Ich sehe, wie sich sein kleiner Körper verkrampft. Er will das Spiel noch einmal von vorn beginnen. Und schummelt. Er will nicht mehr spielen. Er weint. Doch dann: Mein Sohn gewinnt! Puh, da habe ich aber jetzt Glück. Doch nicht. Die Erde bebt trotzdem …

Steht dazu auch was in meinem schlauen Buch? Ich lese und verinnerliche: Der Sechsjährige glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich. Und jetzt habe ich auch noch gewonnen! Da hat Mama mich ja noch weniger lieb! Gewinnen möchte ich aber trotzdem ..

Was für ein Dilemma! In seiner Haut möchte ich wirklich nicht stecken. Ich atme tief durch und beschließe, erst einmal das Mittagessen fertigzustellen. Während die Zwiebeln vor sich hin brutzeln, denke ich an den inzwischen verstorbenen dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Und wie er einmal gesagt hat, dass man seine Familie als ein spannendes und neues Projekt betrachten soll, „dessen einzelne Teilnehmer nicht von vornherein bestens qualifiziert sind.“ Beruhigend, finde ich und nehme mir fest vor, mir das so oft es geht vor Augen zu
halten.

„Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ – Das kann er doch schon lange allein…

Nach dem Mittagessen möchte P. „in Ruhe“ sein Hörbuch hören. Das geht klar, eine kleine Pause käme auch mir sehr gelegen. Pustekuchen. Der kleine Bruder – seit zwei Tagen im Kindergarten – kommt angerannt und möchte mit P. spielen. „Nein!“, brüllt der da plötzlich los. Und mein Kind Nummer zwei, das selbst unglaublich müde ist, erschrickt natürlich so sehr, dass er das Weinen beginnt. Na toll.

Einige Zeit später. Ich muss noch einkaufen. „Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ Wie bitte? Das kann mein „Großer“ doch schon lange allein. Genau das gebe ich ihm verbal zu verstehen. „K. ziehst Du auch immer an, ich will das auch!“ Aha, daher weht der Wind. Na gut, dann gebe ich heute mal nach und helfe ihm damit. Denn es ist wirklich ein anstrengender Tag, und ich muss zusehen, dass wir alle da unfallfrei und unbeschadet durchkommen.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein

Ich habe jetzt also einen „Wackelzahn-Pubertierenden“ und ein Kleinkind in der Autonomiephase, das neu in der Kita ist. Und beide Lebensphasen haben folgende Parallelen: die Euphorie auf der einen und das Betrübte auf der anderen Seite. Das Auf-und-ab, das Hin-und-her, die Launenhaftigkeit, die innere Zerrissenheit, die Ohnmacht, die Wut, das Chaos. Beide Kinder wissen zur Zeit einfach nicht, wo sie hin sollen mit all ihrer Energie, ihrer neuen Kraft, ihren Gefühlen. Und sie streiten und streiten. Ach ja, und sie streiten.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein. Doch dass ich ihnen ihre Freiheiten gebe und sie ihnen an anderer Stelle wieder nehme – je nachdem, wie es gut für sie ist und sie es gerade brauchen – ist manchmal wie ein ziemlich schmerzhafter Spagat. Aber ich weiß ja: Das alles gehört zum Größerwerden dazu. Unsere Kids lösen sich wieder ein Stück von uns Eltern, sie werden selbständiger. Und genau diese wachsende Autonomie macht ihnen dann wiederum Angst, und sie suchen Halt bei uns.

„Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

Wie sich das wohl für mein frischgebackenes Schulkind und meinen Kita-Zwerg anfühlen mag? Den Alltag, so wie beide Jungs ihn bisher kannten, gibt es nicht mehr. Die Veränderung wirkt bedrohlich und fremd, doch zugleich ist da diese unbändige Neugierde, die Spannung und Vorfreude auf das Neue. Ich werde ein bisschen traurig und muss schlucken. Bestimmt ging es mir damals als kleines Mädchen genauso.

Und da steht er nun vor mir, mein nicht mehr ganz kleiner, aber eben auch noch nicht sehr großer Sechsjähriger. Er hat sich das Knie gestoßen – heute übrigens schon zum zehnten Mal oder so – und weint fast wie damals, als er noch ganz klein war. Es scheint, als würde er am liebsten in mich hineinkriechen. Ich nehme ihn hoch und halte ihn ganz fest. Sein Kopf liegt auf meiner Schulter. „Mein kleiner Schatz“, sage ich liebevoll und leise, während ich ihn etwas wiege. Entsetzt hebt er den Kopf und schaut mich an. „Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

Wo ist Omas Seele?

„Mama, sei nicht so traurig.“
Mein bald Sechsjähriger streicht mir mit seiner immer noch ziemlich kleinen Hand etwas unbeholfen und dennoch selbstsicher über die Wange. Oh Gott, mein Herz …
Seine braungrünen Augen spiegeln sein sanftes, mitfühlendes Wesen wider. Seine immer länger werdenden braunen Haare umfließen das feine Gesicht, in dem ich oft mich selbst und oft auch seinen Vater erahne.

P. schaut jetzt ebenfalls traurig. „Mama, mach‘ Dir keine Sorgen. Omas Seele ist doch hier bei uns.“
Ich horche auf.
„Sie spielt jetzt was mit uns. Jetzt gerade. Wirklich!“
Wie kann das sein? Es überkommt mich, ich weine – und niemand hat etwas dagegen. Ist das schön, was mein Sohn da sagt. Und wie standhaft, unerschütterlich, felsenfest er daran glaubt …

Was bleibt
Nicht meine eigene Mutter, sondern meine Schwiegermutter ist vor einer Weile verstorben – im Januar. Und doch fühlt es sich manchmal an, als wäre es erst gestern gewesen. Doch gestern war kalt, schnell und gierig. Unbarmherzig und dennoch gnädig …
In einem „guten“ Alter war sie, so sagt man: Sie hatte Mitte Achzig fast erreicht. Nicht jung, nicht zu alt, sie hat wohl jedenfalls nicht gelitten an ihrem Ende, behaupten die Ärzte.
Leider ist das nur ein schwacher Trost, denn sie fehlt. Uns allen.

Das Beben ihres kleinen, im Alter rundlich gewordenen Körpers beim Lachen. Die spitzbübisch funkelnden Augen. Das bisweilen sehr energische Wesen, der halblange, graue Pagenschnitt. Ihr „Was soll’s!“ und ihr „Scheiß drauf.“ Das Glas Sekt, nichts Süßes, eher trocken bitte.

Die Mutter meines Mannes, die Großmutter meiner beiden kleinen Jungs und meiner Nichte. „Die mit den drei Überraschungseiern“, weiß P. Wie lange mein älterer Sohn das wohl sagen wird? Immerhin wird er sich an sie erinnern. Der kleine K. hat noch keine Ahnung. Irgendwie ist das auch gut so.
Aber es ist auch so traurig. Denn Oma war prima. Ich wünschte, sie würde auch ihm im Gedächtnis bleiben. Aber was tatsächlich bleibt, ist sie. In K. In P. In ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Enkelin … und auch in mir, obwohl wir genetisch nichts teilen. Wir hatten etwa etwa elf gemeinsame, geliebte und gelebte Jahre.

Ich wollte und möchte immer noch, dass ihr Tod uns alle noch enger zusammenschweißt, uns in Liebe und Geborgenheit miteinander „zurücklässt“.

Die Aufbahrung
P. umfasst das Bein seines Vaters. Der bis zuletzt bei Oma C. war. Genau, wie dessen Schwester M. und seine Nichte M. – eine tolle, einfühlsame, und so bodenständige Krankenschwester. Was für ein Team. Ich bin stolz.

P. guckt skeptisch, aber nicht ängstlich. Ich habe ihn auf die – wie er es nennt – „Aufbewahrung“ vorbereitet. Soweit es denn ging. (Geht so etwas überhaupt?)
Oma wird dann anders aussehen, blass. Sie wird nicht schlafen. Nein, sie wird tot sein. Sie ist tot. Ihre Augen werden nur deshalb geschlossen sein, weil man sie geschlossen hat … Aber sie schläft nicht. Ich möchte nicht, dass P. glaubt, seine Oma sei im Schlaf gestorben. Ich möchte nicht, dass er Ängste entwickelt. Verhindern werde ich wohl nichts dergleichen je können, denn Angst kommt. Und geht hoffentlich.
Ich selbst verspüre jetzt gerade eine unbändige Angst.

Es ist soweit.
Auf mich wirken alle soweit „gefasst“, als wir sie sehen. Ich bilde mit meinem bald drei Jahre alten K. auf dem Arm das Schlusslicht, als wir eintreten. Ehrlich gesagt halte ich ihn oben, weil ich so das Gefühl habe, mich hinter ihm verstecken zu können.
Ich halte ihn gewissermaßen umklammert.
Und ich bin es dann auch, die nicht an sich halten kann und sehr und laut weinen muss. Alle weinen natürlich, aber ich muss wirklich die Hand vor den Mund drücken. „Muss“ ich das wirklich? Ich glaube, ich muss. Es tut so weh. Oma tut mir so leid. Immerzu denke ich nur: die Arme.

Und P.?
Sagt, als wir wieder zu Hause sind: „Sei nicht traurig, Mama. Sie ist mit Gott.“
Ja, wirklich?
„Und spielt mit uns Lego.“
Das wäre schön.

Mama, ICH mach‘ das!

Knapp vor sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt …
Nicht. Denn ich habe ja ein aufgewecktes Kleinkind. K. weckt mich also mit „Hallo, Mama!“ und einem unglaublich feuchten Liebesküsschen. Süüüß. Wahrhaftig schön, so aufzuwachen (mir schmilzt das Herz … ) – wenn draußen nicht diese grausame Dunkeheit wäre … (Wann ist das eigentlich passiert?!)
Wir stillen noch ein bisschen (ja, liebe Langzeitstillgegner, das tun wir noch ziemlich oft!), das gibt mir Zeit, wach zu werden. Aber dann muss ich auch schon stramm Gewehr bei Fuß stehen (Woher kommt eigentlich diese Redewendung? Das ist doch was für meinen nächsten Beitrag oder?).

K. tappelt zum Lichtschalter. Bämm! Gnadenlose Helligkeit. Ich ziehe die bunte Bettdecke über den Kopf und grummele so vor mich hin. „Mmmmmmmmmmmm …“
Ich will noch nicht aufstehen … Zu meiner Mutter habe ich früher immer gesagt: „Nur noch fünf Minuuuuten.“ Heute geht das natürlich nicht mehr.

„Mama! Aufdeeeh’n!“ Der Zweijährige kommt, zieht mir energisch die Decke weg, springt auf mich drauf. Autsch. Die Wirbelsäule … Fünfzehn Kilo sind schon eine Menge.
„Kassee machen.“ Hm? Kaffee, ja, gute Idee. Dass der schon weiß, was Kaffee ist … (Ich muss an meiner Verziehung arbeiten … )
Ich stehe auf, tapse ins Bad. „Ich mach Licht an!“ Ruft der kleine Tyranno-Benglus K. – und weckt dabei gleich noch seinen Vater und Bruder, die eben noch tief im Familienbett schlummerten.

Nein, denke ich – immer noch auf dem Klo sitzend – jedenfalls zutiefst erschüttert, bitte nicht, es ist mir zu hell … Bämm! Dong! Da ist sie wieder. Diese Helligkeit. K. trottet – falsch, eigentlich rennt er – ins Kinderzimmer, kommt mit ein paar Autos wieder. „Mama, Du mitspiel’n!“ Jetzt?! Ich muss doch bitte erst mal wach werden … „Mamaaaaaaaaa!!!“ Oh Gott, steh‘ mir bei. „Hallo … ja, geht mir guhuuut. Und Dir? Komm, wir fahren Kaffee machen.“ Zusammen steigen wir die Wendeltreppe hinunter. Längst kann er allein hinuntersteigen, aber seit ein paar Tagen fordert er wieder meine Hand – egal, was da komme, egal, was ich sonst noch trage, egal …“ Egal. (Was ist _das_ nun eigentlich wieder für ’ne Phase? Rhetorische Frage. Muddi weiß natürlich bescheid, ha!)

„Ich mach‘ Licht an!“ Jaja, ist ja schon gut. Mach Du mal. Ich möchte Wasser in den Kocher füllen. „Mama, ich mach das!“ Jawoll ja. Dann hol mal Deinen Stuhl. Mhm. Ja, schieb ihn an die Spüle. Gut so. Vorsicht, nicht so weit aufmachen, den Wasserhahn … ja, so ist gut. Prima! (Wie gut er das macht!)
Ich nehme die Kanne des Wasserkochers, möchte den Deckel wieder schließen, um ihn der Elektronik nahe zu bringen – in  der Hoffnung auf lecker kochendes Wasser … (Gleich schlafe ich ein …)

„Ich mach das!!“ Entschuldigung. Hab‘ ich kurz vergessen. Klaro. (Ich bin so fehlerhaft.) Vooooorsicht, okay. „Ich mach Schalter an.“ Geschafft.  Das Wasser beginnt zu kochen, der Kaffeegenuss naht …
Und das jeden Morgen.
Und es ist erst der Morgen.
Irgendwie schön, irgendwie anstrengend.
Ich bin glücklich darüber, ich bin müde.
Ich bin …
Mutter.
(Hier bitte das Herz einfügen.)