





8.00 Uhr am Morgen. Die Hauptstadt ist längst erwacht. Zwei etwa zwölfjährige Jungs sitzen mir in der S-Bahn gegenüber. Zwei schwere Schulranzen sind ihre Begleiter. Einer der Jungen stöhnt laut auf. „Mann, immer krieg ich die Arschkarte.“ Er beklagt sich darüber, wie nervig seine kleine Schwester heute beim Frühstück war, dass sie ihn geärgert habe. Und wer hat dann die Schuld am Streit bekommen? Natürlich er. Der Freund nickt mitfühlend. Das kann er verstehen. „Na, bald sind Ferien, da machen wir dann was Schönes zusammen!“ Er grinst. Ein wirklich guter Freund.
Die Arschkarte ziehen. Hierzulande dürfte dieser Ausdruck wahrscheinlich jedem bekannt sein. Doch woher diese Redewendung stammt, ist noch immer nicht ganz klar.
Meine favorisierte Vermutung: Beim Fußball trug früher der Schiedsrichter die Gelbe Karte in der Hemdtasche, die Rote Karte steckte in der Gesäßtasche. Häufige Spekulation hierbei: Die beiden Karten steckten an zwei verschiedenen Orten, da man ihre Farben wegen des Schwarz-Weiß-Fernsehens nicht unter scheiden konnte … Wie dem auch sei: Wem der Schiedsrichter die Arschkarte zeigte – nämlich diejenige, welche in der Gesäßtasche steckte -, flog vom Platz. Unangenehm. Aber so einfach war das.
Und auch heute noch gebrauchen wir diese Phrase, wenn uns etwas Unangenehmes passiert ist.
Fliegenpilz (Handyfoto). Gesehen: irgendwo in Niedersachsen
Man sieht es, und man riecht es. Und das auch nicht erst seit heute oder gestern. Warum sich also noch großartig wundern: Der Herbst ist da! Und ich liebe das: Jogger mit Mützen, Frauen in schönen Stiefeln und Schals, Männer in adretten Mänteln, ein Glas Rotwein bei klassischer Musik, am Boden liegende Kastanien, begeisterte Kinder mit roten Bäckchen und – natürlich – bunte Blätter in der Vielzahl …
Ich wünsche uns allen lauschige Abende, endlose Spaziergänge und Rollkragenwohlfühlfeeling!

Morgendlicher Spaziergang durch den Park. Ich überhole zwei ältere Frauen und schnappe auf, wie die eine die andere fragt, ob diese ihr bei einer Häkelarbeit behilftlich sein könnte. „Meine Liebe, ich konnte noch nie gut häkeln oder stricken. Das sind für mich böhmische Dörfer.“ Böhmische Dörfer. Diese Wendung gebrauchen wir, wenn wir von etwas keine Ahnung haben – oder haben wollen. Soweit klar, aber was haben Unwissenheit oder Desinteresse mit Dörfern in Böhmen zu tun?
Ein kleiner Abstecher in die Geografie: Böhmen ist eine Region in Tschechien, die im 16. Jahrhundert sogar Königreich war. Westlich liegt Deutschland. Okay, prima. Und jetzt zur Sache: Trotz dieser Nachbarschaft unterscheiden sich die deutsche und die tschechische Sprache sehr. Der Deutsche hatte schon immer Probleme vor allem mit böhmischen Ortsnamen, konnte sie einfach nicht aussprechen. Für mich sind das böhmische Dörfer. So begann er schließlich auch auszudrücken, dass er von einer Sache nichts versteht …
Die Tschechen haben übrigens eine ähnliche Redewendung: Sie sprechen von spanischen Dörfern (die allerdings sind von Tschechien aus gesehen richtig weit weg) … Und auf Englisch sagt man bei etwas Unbekanntem It’s Greek to me (Das kommt mir Griechisch vor).
Aber letztlich ist es ganz egal, ob böhmische Dörfer oder doppeltes Niederländisch: Die ältere Frau aus dem Park hat vom Häkeln einfach keine Ahnung.
Kein böhmisches Dorf, dafür aber tschechisches Prag: Musiker auf der Karlsbrücke