Archiv der Kategorie: Kultur

Für Liebe und Gerechtigkeit

Bersenbrück. „Seid ihr bereit für drei Tage Liebe und Gerechtigkeit?“, ruft der Moderator von der Bühne. Tausende Reggae-Fans jubeln im Chor und reißen die Arme in die Höhe. Ein eindeutiges „Jaaa!“ erklingt.

Bunte Strickmützen, Bob-Marley-Shirts, Pluderhosen, so weit das Auge reicht: Es gibt kaum passende Worte für die großartige Stimmung, die hier herrscht. Geschlossene Augen, lächelnde Gesichter, fröhliche Erwachsene und Kinder. Es wird nicht gerempelt, es wird nicht geschubst, hier herrscht Frieden trotz der Menschenmassen. Es ist ein erstaunliches und berührendes Bild.

Der Geruch: eine Mischung aus Tabak, Räucherstäbchen und Grillfleisch. Überall tönt es „Rastafaaarai.“

Reggae Jam ist wieder einmal ein voller Erfolg: Von Freitag bis Sonntag tanzen, wippen und liegen lässig Massen von Reggae-Fans im Klostergarten in Bersenbrück. Die anderen laufen im Stadtpark herum oder feiern auf dem Campingplatz. Er liegt direkt an der Hase, in die man springen kann, wenn man eine Abkühlung braucht. Das Wetter spielt zumindest am Freitag mit, die Sonne scheint, und nicht ein Tropfen Regen fällt vom Himmel, trotz der schlechten Wetterprognose. Am Samstag regnet es, am Sonntag ist es bewölkt. Leider, doch das scheint die Besucher überhaupt nicht zu stören.

In der Kleinstadt Bersenbrück findet Europas beliebtestes Reggae-Festival statt. In Internetabstimmun-gen des Magazins Riddim landet es immer wieder auf Platz eins der Beliebtheitsskala.

Zahlreiche Künstler aus Jamaika sind angereist. Veranstalter Bernd Lagemann, der das Festival seit 1994 organisiert, fliegt eigens auf die Karibikinsel, um sie zu engagieren. Das ganze Wochenende stehen auf zwei großen Bühnen knapp 30 Musiker und Bands, darunter Bryan Art, Sister Nancy, Don Corleon, Utan Green, Frankie Paul. Luciano ist am Freitagabend auch wieder mit dabei und begeistert die Massen.

Besonders gut kommt Sänger Hawkeye an. Der Dance-Hall-Mann hat sich eine schöne junge Frau in Rot auf die Bühne gezogen. „Ist sie nicht wunderschön?“, brüllt er. Das Mädchen lächelt verlegen.

Der Sänger singt ihr ein Liebeslied, obwohl er sie nicht einmal kennt. Wieder jubeln die Fans. Einige Frauen haben die Hände ineinandergefaltet und schwärmen. Vielleicht würden sie jetzt auch gern dort oben auf der Bühne stehen – angehimmelt von Tausenden Menschen.

Mit einem besonderen und humorvollen Poetry Dub warten die vier Jungs von No-Maddz („Nomaden“) auf. Sie tragen coole Ray-Ban-Sonnenbrillen und uniformen Haarschnitt. Doch ansonsten legen sie keinen besonderen Wert auf Einheitlichkeit: Auf einen bestimmten Musikstil wollen sie sich nicht festlegen – und genau das kommt richtig gut an bei den Fans.

Höhepunkt des Festivals soll in der Nacht vom Samstag zum Sonntag eigentlich Ky-Mani Marley werden. Er ist einer der Söhne der Regae-Legende Bob Marley. Doch der Schauspieler und Musiker hat sich beim jüngsten Auftritt in Rimini am Knie verletzt und kann deshalb nicht teilnehmen. Eine große Enttäuschung für viele Besucher. Doch auch das kann die Stimmung nicht trügen. Es ist, als wäre gar nichts geschehen: Es gibt Lichtermeere aus Tausenden von Feuerzeugen, riesige Jamaika-Fahnen tauchen den Platz in ein Farbenmeer aus Rot, Gelb und Grün. Es ist ein gelungenes Festival, auf das die Veranstalter und alle freiwilligen Helfer wirklich stolz sein können.

Vielleicht braucht dieses Festival gar keinen Topstar wie Ky-Mani Marley. Es hat 30 Stars, die drei Tage lang ein mitreißendes Musikprogramm machen.

Und dann gibt es da noch das folgende Bild: Ein paar Jungs und Mädchen sind auf den großen Baum geklettert, der mitten im Klostergarten steht. Die lassen die Beine baumeln und wippen im Takt zum Reggae. Sie haben eine fantastische Sicht auf die Bühne. Sie nippen an ihrem Bier und lachen. Das ist der Sommer.

(c) Dieser Artikel ist am 8. August 2001 in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen.

Cowboyhüte und Bluesmusik

Quakenbrück. „Die Location ist eigentlich aus einer Improvisation heraus entstanden“, erzählt Hans-Wilhelm Welker. Der Hausherr von Gut Vehr lacht. „Wir veranstalteten auf dem Hof ein Familienfest, und als es dann zu regnen begann, haben wir die Feier kurzerhand in unseren ehemaligen Kälberstall verlegt. Das kam richtig gut an bei den Gästen.“ Und zwar so gut, dass ihm die Idee kam, aus dem Stall eine Feierscheune zu machen. Am Freitagabend wurde sie offiziell eingeweiht – mit einer Jam-Session des Musikerforums Artland.

Zum Teil unverputzte Wände, Heuballen, rustikale Bänke und Holzscheite: Die neue Feierscheune ist schick und bestens geeignet für kulturelle Veranstaltungen und private Feierlichkeiten.

„Wir haben den Saal absichtlich ländlich gehalten“, erzählt Hans-Wilhelm Welker. „Alles andere hätte hier auch gar nicht gewirkt.“ Ein paar Gäste laufen mit Cowboyhüten herum, ihre karierten Hemden erinnern an eine typische Country-Szenerie aus dem amerikanischen Alabama.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind gekommen, um sich einen Eindruck von der Feierscheune zu machen. „Vor Kurzem hatten wir hier unsere Generalprobe mit einem irischen Abend. Das war klasse. Aber die Blues- und Rockmusik heute kommt auch gut“, schwärmt Hausherr Welker und wippt im Takt zu den Sounds. Und die sind wirklich nicht schlecht: Von Jimi Hendrix über die Stones bis hin zu den Blues Brothers ist alles dabei, was das Herz des Musikliebhabers höherschlagen lässt.

Der neue Saal bietet einen direkten Zugang zum Innenhof. Hier hält sich die Familie sogar ein zufrieden vor sich hingrunzendes Hausschwein, Schafe und andere Tiere. Und es gibt einen Pfau, der sein prächtiges Gefieder prahlerisch vor den Gästen ausbreitet. „Der spielt sich bestimmt so auf, weil heute so viele Leute hier sind“, sagt ein etwa zehnjähriger Junge und zückt seine Fotokamera.

Musiker des Artländer Musikforums heizen den Gästen ein.

(c) Der Artikel ist am 28. Juni 2011 im Bersenbrücker Kreisblatt erschienen.

Musikalische Reise durch Irland

QUAKENBRÜCK. „Es war einmal ein Mann, der liebte ein Mädchen“, beginnt Jerome Morris. Und dann erzählt der irische Musiker der Gruppe Morris Minor die Geschichte einer tragischen Liebe: Das schöne Mädchen aus der „anderen Welt“ kann nur über Nacht beim Jüngling verweilen. Sobald der Hahn am Morgen zu krähen beginnt, muss sie wieder zurück in ihre Welt. Der Geliebte bittet den Hahn, nicht zu krähen. Er verspricht ihm, seinen Kamm mit Gold und seine Federn mit Silber zu schmücken. Doch alles Flehen hilft ihm nichts: Der Hahn kräht am Morgen, so wie er es schon immer getan hat …

Geschichten wie diese sind an diesem Abend auf dem Gut Vehr viele zu hören. Meist handeln sie von der großen Liebe, von Verzweiflung und Melancholie oder von Unterdrückung und Auswanderung. Untermalt werden die sagenhaften Überlieferungen durch die schönsten irischen Volksweisen in Englisch und Gälisch. Wenn Máire Morris singt, taucht man ein in die Geschichte Irlands, man läuft über weite Wiesen und Schafweiden oder trinkt Ale in einem Pub. Es ist gewissermaßen eine musikalische Reise quer durch Irland. Morris Minor tritt im Rahmen des 16. Euregio-Musikfestivals bereits zum zweiten Mal auf: Am 22. Mai waren sie in Bad Iburg zu Gast.

Seit 35 Jahren lebt das Ehepaar Jerome und Máire Morris bereits in Deutschland, erzählt die Sängerin. „Wir wollten damals eigentlich nur für ein Jahr ins Ausland. Jetzt sind wir hier hängen geblieben“, lacht sie. Heute wohnt das Musikerpaar in Osnabrück, hat drei erwachsene Kinder. Die Tochter singt normalerweise auch in der Gruppe, doch an diesem Abend kann sie nicht dabei sein. „In ein paar Tagen bekommt sie ihr Baby“, erzählt Máire Morris stolz.

Auf die Frage, wie das Musikerpaar zueinandergefunden habe, lächelt sie und sagt schwärmerisch: „Eigentlich haben wir schon immer Musik gemacht. Das liegt in der Familie. Mein Mann und ich haben uns auch in einem Pub beim Musizieren kennengelernt. Das hat sofort harmoniert.“

Jerome Morris hat den musikalischen Hut auf in der Gruppe. Der Musiklehrer spielt zahlreiche Instrumente: Akkordeon, Gitarre, Mundharmonika. Und als er ein paar Löffel aus seiner Tasche kramt und damit faszinierende rhythmische Klänge zaubert, sind die Zuhörer verblüfft. „Zum Musizieren brauchen wir Iren keine großartigen Instrumente“, sagt Jerome Morris. „Ein paar Löffel reichen da schon aus.“ Seine Frau nickt lächelnd und klatscht im Takt.

Die irische Gruppe Morris Minor

Eine Lichtshow von gestern für heute

Rockig-poppigen 60er- und 70er-Jahre-Sound von originalen Vinylschallplatten und eine beeindruckende Lichtshow konnten Musikfans am Samstag auf der Electric Musicland Party erleben.

Gegen 21 Uhr geht es los: Drei DJs legen altbekannte und weniger bekannte Hits auf, darunter Stücke von Santana, Fleetwood Mac und Led Zeppelin. Auch Publikumswünsche werden erfüllt. Einzige Bedingung: Die Stücke müssen mindestens 30 Jahre alt sein.

Grandiose Lightshow – Klick auf Foto öffnet Bildergalerie

Die faszinierende Lightshow des Flensburger Projektionskünstlers Peter Petersen unterlegt die Musik. Der Rolling-Stones-Klassiker „2000 Lightyears from Home“ macht den Anfang. Danach folgt ein Special aus vier Pink-Floyd-Klassikern, begleitet von einer eigens für Restrup kreierten psychedelischen Lichtshow.

Zum Einsatz kommt ein natürlich auch aus den 60er- und 70er-Jahren stammendes Equipment. „Das sieht man heute kaum noch, ich bin einer von wenigen, der es benutzt“, sagt Peter Petersen nicht ohne Stolz. Für ihn gehören Musik und Lichtprojektion zusammen: „Die Kombination aus beiden fesselt den Zuschauer und reißt ihn mit.“ Im knackevollen Saal der Compagnia Buffo mit den tanzenden und staunenden Gästen sieht er diese Behauptung auch gleich bestätigt. Die Verbindung von Licht und Musik findet auch DJ und Mitorganisator des Events Gisbert Wegener toll: „Ich habe in meiner Jugend in der Scala in Lastrup erlebt, wie eine gute Lightshow die Stimmung der Musik verstärkt.“

Gisbert Wegener legt mit seinen beiden DJ-Kollegen Udo Pooschke aus Berge und Harald Keller aus Osnabrück auf. Das Trio hat einen ähnlichen musikalischen Hintergrund: „Udo hat zu Studienzeiten in Hildesheim und Harald in Osnabrück aufgelegt. Gemeinsam verfügen wir über ein beträchtliches Repertoire an 70er-Jahre-Musik“, schwärmt Gisbert Wegener.

Die Idee für die Electric Musicland Party sei an einem Sonntagnachmittag im Jahr 2008 in Berge entstanden, erzählt der Quakenbrücker, der heute in Osnabrück lebt. „Wir saßen zusammen, ließen unsere Gedanken kreisen, wie wir eine außergewöhnliche Party für diejenigen veranstalten können, die ihre Jugend in den alternativen Diskotheken der 70er-Jahre verbrachten. Wir wollten die Musikfans von damals für eine gemeinsame Party gewinnen.“ Im Laufe des Nachmittags sei dann die Idee zur Electric Musicland Party entstanden – eine Idee, deren Umsetzung inzwischen ein Erfolg ist: Das vom Kulturverein Li.F.T. veranstaltete Event findet bereits zum fünften Mal im Theatersaal statt.

„Der Saal sieht mit seinem Holzfußboden und den Pfeilern so aus wie damalige Musikclubs. Das ist genau die richtige Location“, schwärmt Gisbert Wegener. Er schaut sich immer wieder um. Die Leute tanzen, die Show beeindruckt, Gisbert Wegener nickt zufrieden. „Wirklich klasse der Abend“, sagt er und legt wieder auf.

(c) Erschienen im Bersenbrücker Kreisblatt am 31.05.2011

 

Badbergen im Trommelfieber

Heiße Trommelrhythmen, tanzende Menschen und jede Menge Spaß: Die 2. Sambanale in Badbergen war ein Event für alle Sinne.

Es ist 13 Uhr am Samstag. Einige Gäste nippen bereits an ihrem ersten Cocktail und lassen die Augen über den Schützenplatz schweifen. Ein Zirkuszelt ist aufgebaut, die Wettervorhersage hat für diesen Tag Regen angekündigt.

„Wollen wir doch mal sehen, ob wir den Regen vertreiben können!“, ruft Carsten Mohring. Die Augen des sympathischen Mittvierzigers leuchten. Und tatsächlich: Als die ersten Trommelklänge seiner Quakenbrücker Gruppe Samba Landaya ertönen, kommt für eine Weile die Sonne heraus. „Als ich zum ersten Mal eine Trommel in den Händen hatte, hat es mich voll erwischt.“ Damit meint Carsten Mohring das Trommelfieber. Der Musiker aus Badbergen ist einer von sieben Organisatoren des beliebten Festivals. „Die erste Sambanale im letzten Jahr war so erfolgreich, dass wir einfach weitermachen müssen“, sagt Carsten Mohring stolz.

Bumm, bummbumm – so geht es den ganzen Tag. Und es wird einfach nicht langweilig: Rund 200 bunt gekleidete Trommler aus neun verschiedenen Formationen jagen den Schaulustigen so manchen Freudenschauer über den Rücken.

Am Nachmittag spielt Valtinho Barbara aus Rio de Janeiro „Brazil-Jazz-Pop-Funk“, wie er seinen Musikstil selbst bezeichnet. Auch das kommt gut an beim Publikum. Doch als die brasilianische Sambatänzerin Erika da Silva die Bühne betritt, schweigt die Menge und schaut sie bewundernd an. Die ganze Frau ist ein Kunstwerk: Sie trägt ein blaues, schillerndes Kostüm. Als sie die ersten Tanzschritte macht, ist es um die Zuschauer geschehen: Sie klatschen, tanzen und staunen. Die Gruppe Rhythmusstörung aus Kirchlengern unterstützt die Tänzerin musikalisch.

Beeindruckend ist auch die Formation Escuta aus Coesfeld. „Escuta“: Das bedeutet so viel wie „Hör zu!“. Und genau das macht das Publikum. Doch beim Zuhören allein bleibt es nicht: Auch der größte Tanzmuffel ist jetzt aus der Reserve gelockt und bewegt sich zu den modernen Sambarhythmen der Gruppe.

Für gute Stimmung sorgen auch die karibisch angehauchte Cocktailbar En Verano und kulinarische Spezialitäten vom Grill. An einigen Ständen gibt es selbst gefertigte Taschen, Schmuck und T-Shirts. Kinder sitzen auf Eseln der Familie Heidker vom Artländer Eselhof und juchzen. Die Atmosphäre lädt zum Verweilen ein: Viele Trommler und Gäste bleiben bis in die Abendstunden.

Um 19 Uhr heizt „Feuermann“ Marcel Dubiel dem Publikum ordentlich ein. Im wahrsten Sinne des Wortes: Er beeindruckt mit Feuerpulver und Fackeln. Dann ist es Zeit für die Konzerte in der Schützenhalle. Es spielen die Bands Pagode Juventude und Resoul.

Etwas abseits steht ein Trommler und schlägt zum Abschluss noch ein paar sanfte Beats. Es scheint, als könne er sich nicht von seinem Instrument trennen. „Ich liebe das Trommeln, es ist mein Leben. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen dem Trommeln und der Liebe, würde ich das Trommeln wählen“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Dann nippt er kurz an seinem Desperados und streicht liebevoll über seine Trommel.

<< Eine Bildergalerie gibts HIER.

(c) Bersenbrücker Kreisblatt – erschienen am 29. Mai 2011

Samba-Tänzerin Erika Da Silva

„Ich war Hitlerjunge Salomon“

Berge/Bersenbrück. „Du sollst leben!“ hatte seine Mutter dem damals 14-Jährigen beim Abschied gesagt. Es habe eher wie ein Befehl als wie ein Wunsch geklungen. Sally Perel, heute 86 Jahre alt, ist inzwischen in aller Welt als „Hitlerjunge Salomon“ bekannt.

In der Sporthalle der Haupt- und Realschule Berge erzählte der Jude im Rahmen einer Lesereise aus seinem bewegten und bewegenden Leben zur Zeit des Nationalsozialismus. Es ist Montag, der erste Tag seiner Reise, doch bereits sein zweiter Vortrag: Vorher war er am Gymnasium Bersenbrück zu Gast. Im April 1925 in Peine/Niedersachsen geboren, erlebte Perel die ersten zehn Jahre seiner Kindheit als äußerst glücklich. „Es war die schönste Zeit in meinem Leben.“ Eines Tages wird Sally zum Direktor gerufen und mit den Worten „Juden haben hier nichts mehr zu suchen“ der Schule verwiesen. Das habe ihn damals tief getroffen und in seinen Grundfesten erschüttert, sagt der sympathische Mann traurig, denn er sei gern zur Schule gegangen.

Als die Geschäfte der Juden in Peine zerstört werden, darunter auch das Schuhgeschäft der Eltern, zieht die Familie 1938 nach Lódz in Polen. Doch nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht schicken Perels Eltern ihn und seinen älteren Bruder Isaak fort, sie sollen sich nach Russland durchschlagen. „Du sollst leben! Diese Worte werden bis zu meinem letzten Atemzug in mir nachhallen“, sagt Sally Perel mit geröteten Augen. „Meine Mutter hat mir das Leben gerettet, und wann immer ich in Gefahr war, habe ich an sie gedacht.“ Er nahm diese drei Worte als Verpflichtung zu überleben – sich selbst und seinen Eltern gegenüber. „Vergiss niemals, wer du bist“, gab sein Vater noch mit auf den Weg.

In den Wirren des Krieges von seinem Bruder Isaak getrennt, schlägt sich Sally Perel bis in den russischen Teil Polens durch. Dort wird er von der Wehrmacht aufgegriffen. Perel behauptet, ein von den Bolschewiken verschleppter Volksdeutscher zu sein. Diese spontane Geistesgegenwart rettet dem Jungen das Leben, man glaubt ihm sofort. Unter dem Namen Josef „Jupp“ Perjell kämpft er an der Front, ist deutsch-russischer Dolmetscher. Später wird Perel an der HJ-Schule in Braunschweig angemeldet, wo er einige Jahre bleibt. Er beginnt, sich mit der Nazi-Ideologie zu identifizieren. „Ein jugendliches Hirn kann man schnell vergiften“, weiß Sally Perel und schaut die 14- bis 16-jährigen Jugendlichen eindringlich an. Seine Tarnung fliegt bis zum Kriegsende nicht auf. Doch die Angst sitzt tief, ständig muss er darauf achten, dass seine Identität nicht auffliegt, dass man seine Beschneidung nicht bemerkt. Noch heute schrecke er aus Albträumen auf. „Jeden Tag – 24 Stunden am Tag – in Furcht zu leben, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie das ist“, sagt er zu den in der Sporthalle versammelten Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren. Die sind sichtlich betroffen.

1992 erschien Sally Perels Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Erst 40 Jahre nach dem Krieg begann er mit dem Schreiben. „Ich habe lange gebraucht, um das Erlebte aufzuarbeiten“, antwortet er in leisem Tonfall. Das Buch wurde nicht nur weltbekannt, es wurde auch verfilmt. Die Schüler in Berge haben es gelesen, manche haben auch schon den Film gesehen. Staunend und berührt, einige sogar mit geröteten Augen, sitzen sie da, als Sally Perel aufhört zu reden. Im Anschluss stellen sie Fragen. Viele Fragen – voll Beklemmung und Interesse.

„Wenn ich es schaffe, auch nur einen jungen Menschen hier zu erreichen, dann hat sich mein Besuch gelohnt“, sagt der sympathische Sally Perel, der heute in Israel lebt. „Hitler wurde damals zwar besiegt, geistig aber leider noch lange nicht.“ Und dann stürmen die Schüler los, um sich ihr Buch oder ihre DVD signieren zu lassen.

(c) Erschienen im Bersenbrücker Kreisblatt.

Sally Perel spricht in der Haupt- und Realschule Berge.

Begehrtes Autogramm: Sally Perel signierte in Berge für zahlreiche Schüler seine Autobiografie.

„Dahinter steckt mehr, als man denkt“

Quakenbrück/Berge/Bersenbrück. „Ich gehöre bald schon zum Inventar“, lacht Johanne Treu. Die fast 90 Jahre alte Rentnerin ist ehrenamtliche Mitarbeiterin im Stadtmuseum Quakenbrück. Man merkt der agilen Frau mit den wachen Augen ihr Alter überhaupt nicht an.

Kein Wunder, denn Johanne Treu ist ständig auf den Beinen: „Es gibt hier immer etwas zu tun“, sagt sie und lächelt. „Wir brauchen auch noch viel mehr Mitarbeiter.“ Und dann schaut sie ein bisschen traurig. „Schade, dass heute nur noch so wenig Menschen ins Museum gehen, es gibt doch so viel zu sehen.“

Am Sonntag war das anders: Anlässlich des Internationalen Museumstages 2011 waren etliche Besucher in den Museen des Landkreises Osnabrück unterwegs. Drei Einrichtungen gewährten in enger Zusammenarbeit Einblicke in ihr tägliches Schaffen und ermunterten Besucher, ihre Schätze zu erkunden: das Stadtmuseum Quakenbrück, das Museum des Landkreises Osnabrück in Bersenbrück und das Museum Meyer-Haus in Berge. Im Rahmen des seit Anfang 2010 bestehenden Projekts „Sammlungen der Museen im Landkreis Osnabrück Digitalisierung – Qualifizierung – Profilierung“ konnten Besucher einen Tag lang Museumsarbeiter spielen und erfahren, was Inventarisierung bedeutet.

Schätze zu erkunden

Das Projekt wird vom Heimatbund Osnabrücker Land und dem Kreisheimatbund Bersenbrück getragen. Seit etwa einem Jahr sind zwanzig Museen dabei, ihre Objekte mithilfe eines Inventarisierungsprogramms zu digitalisieren. In Quakenbrück klärten Museumsleiter Heinrich Böning und Archivar Ernst Walter darüber auf, wie Objekte ins Museum gelangen und wie sie anschließend archiviert werden. „Zunächst werden Höhe, Durchmesser und Material ausgemessen, es wird festgestellt, was es ist“, erklärt Ernst Walter. Diese Informationen werden dann auf Datenblättern eingetragen und dann in einer Museumssoftware erfasst. „Das erleichtert uns die Arbeit ungemein.“

„Die Leute wissen meist gar nicht, wie wir im Museum arbeiten“, sagt Nikola Berding. Die Volontärin beim Museum des Landkreises Osnabrück in Bersenbrück zeigte Besuchern bei Kaffee, Kuchen und Rotwein, wie man ausgewählte Museumsgegenstände in der Objektdatenbank findet. Am Abend heizte die Band „The Watsons“ den Besuchern musikalisch ein.

Ein breites Spektrum

Museumsrundgang einmal anders – das war das Motto in Berge. Im MeyerHaus konnten Besucher ausgesuchte Museumsgegenstände mithilfe von Datenblättern im Museum wiederfinden. Etliche nahmen dieses Angebot an. „Das ist gar nicht so einfach“, seufzte ein Gast. „Da steckt viel mehr dahinter, als man sich vorher so denkt.“ Das findet auch Nikola Berding. „Heute haben wir die Gelegenheit, unser Tun zu würdigen.“ Und das ist auch das Ziel des im Jahr 1977 ins Leben gerufenen Internationalen Museumstages: auf die Themenvielfalt der Museen aufmerksam zu machen und das breite Spektrum ihrer Arbeit vorzustellen. Der Eintritt in allen drei Museen war frei.

Johanne Treu führte die Gäste im Stadtmuseum Quakenbrück herum

Erschienen im Bersenbrücker Kreisblatt am 17.05.2011

Anders essen: Tischkultur mit Augenzwinkern

Badbergen. Es ist Freitagabend, kurz nach 18.00 Uhr. Michael Schürkamp alias Butler James steht im Korridor des Artland Festsaals und erwartet sein Publikum. Er trägt weiße Handschuhe und ist auch sonst piekfein gekleidet. Gleich wird es etwas zu essen, zu lernen und zu lachen geben. So zumindest hat James es im Vorfeld des Comedy-Knigge-Dinners versprochen. Und tatsächlich: Bereits den Aperitif serviert der sympathische Künstler mit einer gehörigen Prise Humor. Nachdem der stocksteif wirkende James alle Gäste persönlich begrüßt hat, lässt er ein helles Glöckchen erklingen. „Dieser Klang wird Ihnen den Stress des Alltags nehmen“, so seine Begrüßung. Dabei schaut er den Leuten mit einem beruhigenden Blick tief in die Augen. Und es funktioniert: Eine Dame in flotter Abendkleidung lässt die Schultern etwas sinken, entspannt sich. Ein eleganter Herr lächelt. Dann vergibt der smarte Butler seinen Gästen Fantasietitel wie „Diplom-Psychologin für bindungsunfähige Paarberater“ oder „Vizegräfin mit international anerkannter Pelzmantelsammlung“. Nicht zu vergessen der Förster mit Hochsitzphobie. Wer will, kann an diesem Abend in eine andere Rolle schlüpfen, eine völlig andere Persönlichkeit sein.

Im Empfangsbereich begrüßt die Geschäftsführerin des Artland Festsaals, Cornelia Riedel, die Gäste herzlich mit einem Handschlag.
Bevor James die Gäste zu Tisch geleitet, hält er sie bei einem Glas Sekt oder Orangensaft dazu an, mit einem fremden Gesprächspartner Konversation zu betreiben. Gar nicht so einfach: Scheue Seitenblicke, verlegenes Grinsen. Doch dann trauen sich die ersten – das Eis ist schnell gebrochen.

Zwischen den vier Gängen des festlichen Menüs – darunter eine schmackhafte Karotten-Ingwersuppe und Schweinemedallions an Morchelsauce – gibt James wertvolle Tipps, wie man sich bei Tisch richtig verhält. Er lässt die etwa 40 Gäste ein Kniggequiz lösen, das es in sich hat. Man kniffelt hochkonzentriert. Und bei der Auflösung erfährt man, dass zu einem Button-Down-Hemd auf gar keinen Fall eine Krawatte getragen wird, und dass Adolf Freiherr von Knigge ursprünglich gar kein Benimmlehrer, sondern Schriftsteller war.
Doch nicht nur als niveauvoll konversierender „Pinguin“ macht Butler James eine gute Figur. Er ist auch Bauchredner und lässt stilvolle Handpuppen zu Wort kommen. So plaudert etwa der temperamentvolle Italiener Enrico über Kaffeespezialitäten, während der gewitzte Russe Igor erklärt, wie man am besten Geschäfte macht. Lachen, Staunen, Klatschen: Bei den Zuschauern kommt die Show richtig gut an.

Es sei nicht wichtig, übertrieben „manieriert“ zu sein oder zu wissen, wie man Besteck richtig benutzt, betont Michael Schürkamp, der sich selbst als „Mundwerker“ bezeichnet. Viel wichtiger sei es, im Umgang mit anderen Menschen respektvoll und höflich zu sein. Auch privat legt der studierte Comedien großen Wert auf gewisse Benimmregeln. „Ich finde nicht gut, wenn jemand einfach so seine Serviette auf den Teller knallt“, sagt Michael Schürkamp. „Und ich mag Warten nicht.“ Deshalb sei er selbst auch ein pünktlicher Mensch. Seine Devise: Mit Humor, Respekt und der Fähigkeit, auch einmal über sich selbst lachen zu können, „sind wir doch für fast alle Situationen bestens gerüstet.“ Gegen 23.00 Uhr ist der Abend vorbei – ein Ereignis oder besser: eine leidenschaftliche Hommage an ein gutes Miteinander.

Sprechen über italienische Kaffeespezialitäten: Enrico und Butler James

Butler James sorgt für Spaß und so manchen Lacher

Mein Artikel im Bersenbrücker Kreisblatt – erschienen am 10.05.2011


Zurück in die Vergangenheit

Alternative 70er-Jahre-Musik von Vinylschallplatten, psychedelische Lightshows, tanzende Menschen: Am 28. Mai ab 20 Uhr können Musikfans die Electric-Musicland-Party erleben. Das vom Kulturverein Li.F.T. veranstaltete Kult-Event findet zweimal jährlich im Theatersaal der Compagnia Buffo in Restrup statt. Und das bereits zum fünften Mal.

Traditionell legen drei DJs Hits aus den 70er-Jahren auf, darunter Stücke von Santana, Fleetwood Mac und Led Zeppelin, und stellen musikalische Raritäten vor. Ein Highlight: die Lightshow des Flensburger Projektionskünstlers Peter Petersen. Sein Intro: der Rolling-StonesKlassiker „2000 Lightyears from Home“. Es folgt ein Special aus vier Pink-Floyd-Klassikern, begleitet von einer eigens für Restrup kreierten Lightshow. Zum Einsatz kommt Equipment aus den 60er- und 70er-Jahren.

Für Petersen gehören Musik und Projektionen zusammen. „Sie ergänzen sich perfekt. Sie sind ein Medium, das den Zuschauer fesseln und mitreißen kann.“ Die Kombination von Licht und Musik findet auch DJ und Mitorganisator des Events, Gisbert Wegener, sehr gelungen: „Ich habe in meiner Jugend in der Scala in Lastrup erlebt, wie eine gute Lightshow die Stimmung der Musik verstärken kann.“

Auflegen wird Gisbert Wegener mit seinen beiden DJ-Kollegen Udo Pooschke aus Berge und Harald Keller aus Osnabrück. Das Trio hat einen ähnlichen musikalischen Hintergrund: „Udo hat zu Studienzeiten in Hildesheim und Harald in Osnabrück aufgelegt. Gemeinsam verfügen wir über ein beträchtliches Repertoire an 70er-Jahre-Musik. Wir verstehen uns intuitiv“, sagt Gisbert Wegener.

Die Idee für die Electric Musicland Party sei an einem Sonntagnachmittag im Jahr 2008 in Berge entstanden, erzählt der Quakenbrücker, der heute in Osnabrück lebt. „Wir saßen bei Kaffee und Kuchen zusammen, ließen unsere Gedanken kreisen, wie wir mithilfe des Kulturvereins Li.F.T eine außergewöhnliche Party für diejenigen veranstalten können, die ihre Jugend in den alternativen Diskotheken der 70er-Jahre verbrachten. Wir wollten die Musikfans von damals für eine gemeinsame Party gewinnen. Im Laufe des Nachmittags entstand dann die Idee.“

Der alte, heute renovierte Theatersaal in Restrup biete gute Voraussetzungen für das Musikevent, sagt Wegener. „Er sieht mit seinem Holzfußboden und den Pfeilern so aus wie damalige Musikclubs. Er bietet gute Akustik und eine gemütliche Atmosphäre.“ Man darf also gespannt sein.

Einlass ist um 20 Uhr, los geht es eine Stunde später. Der Eintrittspreis: fünf Euro. Musikfans haben per E-Mail noch bis Freitag, den 27. Mai 2011 die Möglichkeit, eigene Musikwünsche für das Event abzugeben. Die Stücke sollten mindestens 30 Jahre alt sein und aus den Genres Rock, Rock ’n’ Roll, Progressive Rock, Psychedelic, Bluesrock, Sixties-Pop, Soul, Funk und frühen New Wave stammen. Kontakt: Gisbert Wegener, gisbert.wegener@t-online.de

Am 28. Mai werde ich auf dem Event dabei sein und dann noch einmal ausführlich darüber berichten.

So wird es gemacht: Das Foto zeigt eine Lightshow für die dänische Jazzband SVIN – entwickelt von Peter Petersen. Foto: Peter Petersen

Artikel vom 3. Mai 2011 (Bersenbrücker Kreisblatt – NOZ)

In einer Welt der Fantasien und Träume

„Wo kann man hier Süßes kaufen?“, fragt mich Ihno Tjark Folkerts am Rande des musikalischen Schauspiels, das gleich in der St.-Sylvester-Kirche in Quakenbrück stattfindet. Ich weise dem Geigenvirtuosen den Weg zum nächstgelegenen Supermarkt in der Innenstadt. Süßes spielt beim Trio LiMUSiN eine entscheidende Rolle: Jeder Zuschauer bekommt beim Einlass einen Schokoriegel gratis. So ist es Tradition. Es ist Freitag, Viertel vor sieben am Abend, die Kirche ist noch leer. Die letzten Vorbereitungen laufen. Gegen 20.00 Uhr geht es los.

„Phantastische Geschichten“ ist der Titel des neuen Frühjahrs- und Sommer-Programms, einer Kombination aus klassischen literarischen Werken und ebenfalls klassischer Kammermusik. Neben kürzeren Stücken von Tschaikowsky, Strauss und Bach präsentiert das Trio wichtige Komponisten des Rokoko: F. A. Hoffmeister, H.A. Hoffmann und F. Fiorillo.
Ich frage Ihno Tjark Folkerts, warum das Trio Quakenbrück gewählt hat. „Es ist
ein liebenswertes, kleines Städtchen“, sagt der große Mann, der in London und Freiburg im Breisgau Violine studiert hat. Außerdem sei die Kirche bestens geeignet für eine Aufführung. Cellist Suren Anisonyan und Schauspieler Benedikt Vermeer nicken. Die Künstler kennen Quakenbrück schon: Im Dezember 2010 waren sie hier mit Charles Dickens‘ „Scrooge!“ zu Gast.

Benedikt Vermeer hat den literarischen Hut auf beim Trio LiMUSiN. Es gebe nur wenige Ensembles, die seit zehn Jahren in dieser Konstellation auf Tour sind, erzählt er. Kammermusik mit klassischen literarischen Werken zu verbinden, sei einzigartig. Vermeer, der in England und in Ottersberg studiert hat, hat eine sonore, eindringliche Stimme, die viel verheißt.

Kurz nach 20.00 Uhr gehen die Lichter aus im Kirchenschiff. Nur die Bühne mit ihrer in schwarzen und goldenen Farbtönen gehaltenen Kulisse ist noch beleuchtet. Drei Stühle, ein Tischchen mit einer Tontasse, ein paar Kerzen. Eine romantische, aber auch schaurige Athmosphäre. Los geht es mit dem Duo Nr. 3 A-Dur op. 5/3 und E.T.A. Hoffmanns „Lasset uns phantasieren!“ In den folgenden eineinhalb Stunden sind urkomische, dann wieder melodramatische oder gar bedrohliche Laute und Klänge zu hören. Das Trio nimmt die Zuschauer mit in eine Welt der Fantasien, höheren Welten und Träume.
In den Gesichtern des Musiker-Duos stehen Ausdruck und Leidenschaft. Suren Anisonyan, der am Staatlichen Komitas-Konservatorium in Armenien studiert hat, trägt eine Sonnenbrille. Erst später nimmt er sie wieder ab. Sie lässt ihn kühl, aber auch undurchdringlich wirken.

„Das kann ja heiter werden“ lautet der Untertitel des Programms. Und das ist es auch, aber nicht nur. Bei Edgar Allan Poes magischem Poem „Der Rabe“ lehrt das Trio seine Zuschauer das Fürchten. Das Gesicht von Benedikt Vermeer ist jetzt dunkelrot angeleuchtet, die Augenhöhlen liegen tief im Schatten. Seine raumfüllende Stimme und das Krächzen der Streichinstrumente bei „Nim-mer-mehr!“ hallen durch die Kirche. Die etwa 50 Zuschauer sitzen aufrecht und gebannt in den Bänken.
„Das waren schon als Kind meine Lieblingsgeschichten. ‚Der Rabe‘ und ‚Der Sandmann‘ haben mich schon immer interessiert“, schwärmt der Schauspieler. Auch Ringelnatz und Puschkin erklingen, Gedichte und Szenen von Wilhelm Busch und Ludwig Thoma. ”Ein Münchner im Himmel“, mit original bayrischem Dialekt, sorgt für Vergnügen.
In der Pause gibt es Saft, Wasser und Rotwein. Auch das ist Tradition beim Trio LiMUSiN.
Dass sich die „Phantastischen Geschichten“ mit „ph“ schreiben sei kein Protest gegen die Rechtschreibreform. Es sei ein Zeichen, „dass wir sowohl textlich als auch musikalisch auf den Reiz ‚alter‘, zum Teil vergessener Werke zurückfassen und sie mit neuem Leben füllen“, so die Musiker.

Im Jahr 2002 lernten sich die drei kennen und gründeten sogleich das Trio LiMUSiN. „Bei einem gemeinsam gestalteten Themenabend rund um einen Kurzfilm hatten wir die Idee, virtuose Kammermusik und rezitierendes Schauspiel zusammenzubringen“, so die Künstler. Mittlerweile hat das Trio ein Repertoire aus elf abendfüllenden Programmen auf die Beine gestellt.

Zwei Zugaben am Ende des Abends. Dann geht das Licht im Kirchenschiff wieder an. Viele Zuschauer bleiben noch sitzen. Vielleicht, um das Erlebte noch ein bisschen auf sich wirken zu lassen.

>> Dieser Artikel ist auch hier sowie in der Printausgabe erschienen.