DIY-Adventskalender aus Überraschungseier-Hüllen

Leuchtende Kinderaugen beim Geschenkeauspacken, herrlicher Duft von Rotkohl und Lebkuchen – und bitte ganz viel Liebe und Besinnlichkeit: Die Advents- und Weihnachtszeit rückt wieder näher, sicher macht ihr euch schon längst Gedanken über einen passenden Adventskalender für eure kleinen (und großen) Lieblinge, der die Zeit bis zum schönsten Fest des Jahres etwas verkürzen soll. Es soll kein gekaufter Kalender sein? Aber so richtig viel Zeit zum Basteln habt ihr eigentlich auch nicht? So jedenfalls erging es mir. Zusammen mit den Jungs bastelte ich in diesem Jahr deshalb einen Adventskalender aus Überraschungseier-Hüllen. Der Kalender ist schnell gemacht und sieht wirklich sehr süß aus.

Alles, was ihr braucht, sind viele, viele Ü-Eier-Hüllen, einen schönen (und vor allem stabilen) Zweig, Besenstiel oder etwas in dieser Art, weiterhin wasserfeste Stifte und weihnachtliche Aufkleber, jede Menge Bänder und Deko-Klammern.
Und schon geht es los.

1. Schritt
Pro Adventskalender benötigt ihr – absolut richtig – vierundzwanzig leere Überraschungseier-Hüllen, die ihr vielleicht ja gesammelt oder geschenkt bekommen habt. Da gibt es die herkömmlichen gelben, aber auch Hüllen unterschiedlicher Hersteller in verschiedenen Farben und Größen. Und alle eignen sich ganz wunderbar. Wir haben für den Nikolaustag und für Heiligabend zwei etwas größere genommen, um diese beiden Tage etwas über die anderen zweiundzwanzig zu erheben.

2. Schritt
Verziert die Eier-Hüllen, ganz wie ihr es wünscht: mit goldenen oder silbernen, roten oder grünen, wasserfesten Stiften, mit Glitzer oder Aufklebern, Weihnachtsmotiven aus Papier wie Schneemännern, Schneeflocken oder Tannenbäumchen. Meine Jungs haben sich recht schlicht für Aufkleber und Silberstift entschieden.

3. Schritt
Befüllen! Die kleinen Hüllen sind wie geschaffen, um sie mit kleinen, dafür aber feinen Dingen zu füllen. Etwas zum Naschen? Etwas zum Spielen, Basteln oder Malen? Ein Haargummi oder ein Loom-Band? Ein Radierer! Macht es spannend – und haltet es einfach; ihr wisst ja: Weniger ist für die Kleinen mehr (das gilt im übrigens auch für uns Große …).

4. Schritt
Fertig mit dem Füllen? Prima. Dann geht es weiter mit dem Aufhängen des „Weihnachtseier“ – so nennen die Jungs jedenfalls die verzierten Hüllen. Ganz toll sehen sie an einem Zweig oder Ästchen der Korkenzieher-Haselnuss aus. Es eignet sich aber auch jeder beliebige Stock oder (Besen-)Stiel dafür. Wie ihr die vierundzwanzig Kunstwerke jetzt befestigt, ist ganz euch überlassen. Mein Jüngerer schleppte Geschenkband an, der Ältere entschied, einfach das eine Ende in das Ei zu stecken und dieses zu verschließen und das andere mit einer Klammer oben an den Zweig zu binden. Wir hatten noch Klämmerchen aus den Vorjahren mit Weihnachtsmotiven auf dem Dachboden. Wunderschön sehen aber auch ganz schlichte Dekorations- oder Wäscheklammern aus – am besten allerdings aus Holz.

5. Schritt
Sucht euch einen geeigneten Ort, an dem ihr euren kunterbunten, selbstgebastelten Adventskalender aufhängt. Im Wohnzimmer sieht es wahrscheinlich am schönsten aus, eben, weil das bestimmt der Ort sein wird, an dem es im Dezember auch bei euch zu Hause am gemütlichsten und weihnachtlichsten sein wird. Vielleicht irgendwo am oder neben dem Kamin oder Ofen?

6. Schritt
Und jetzt? Könnt ihr noch ein bisschen überlegen, wenn ihr wollt – und zwar, was ihr im Anschluss mit eurem DIY-Kalender tun möchtet. Alles zusammenpacken und ab damit auf den Dachboden? Auf diesen Vorschlag hin schüttelt mein Sechsjähriger wild seine leicht gewellte Surfermatte. Findet er wohl doof. „Mama, nicht verschwenden, wiederverwenden, sagt Rocky.“ Oh klar, die Paw Patrol. „Nach dem Auspacken können wir die Eier doch an unseren Weihnachtsbaum hängen!“
Na, wenn das keine Superidee ist. Wir drei wünschen euch jetzt erst einmal frohes Basteln und dann etwas später eine ganz tolle, liebevolle Weihnachtszeit.

Mit Filz und Stift: So bastelst Du tolle Herbstuntersetzer

„Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist daaa …“
Diese Worte stammen aus dem aktuellen Lieblingslied meines sechsjährigen Sohnes. Als frisch gebackenes Schulkind hat er kürzlich die ersten Ferien seines Lebens erfolgreich hinter sich gebracht und singt nun in einem Fort die melodiösen Verse. Und das, wann immer er kann – also eigentlich fast immer: auf dem Fahrrad, während des Einkaufs, auf dem Spielplatz.
„Heia hossassa, der Herbst ist daaa!“
Und recht hat er: Die dritte Jahreszeit hat Einzug gehalten – mit all ihren Farben, Formen und Gerüchen, der goldenen Sonne – und ja, nützlicherweise auch dem Dauerregen.
Was vor mieser Laune und schlechter Stimmung schützt? Basteln mit den Kids im warmen Stübchen und bei viel Kerzenschein (natürlich unter Aufsicht) – finde zumindest ich. Hier erkläre ich Dir, wie Du mit Deiner Familie ganz einfache und dabei wunderschöne Untersetzer aus Filz fertigen kannst.

Also, in meiner Vorstellung sieht der Herbst ja so aus: Outdoor toben wir Eltern mit unseren Kids durch Laub und Pfützen, indoor genießen wir bei einem Becher Apfeltee (oder für uns Große einem Glas Glühwein) und Basteleien die abends früh einsetzende und morgens spät verschwindende Dunkelheit.
Manchmal klappt das auch wirklich mit dem Basteln – wenn meine Jungs mal nicht streiten oder ein heftiges Wettrennen durch die Bude veranstalten …
Vor ein paar Tagen fertigten wir aber ein paar tolle, herbstlaubfarbene Blätter aus Filz als Untersetzer für unsere Tassen, Becher und Gläser. Hier zeige ich Dir, wie es geht.

Schritt 1
Auf ein weißes (oder andersfarbiges) dickeres Stück Papier – am besten im A4-Format – malst Du ein größeres Laubblatt auf. Das kann eines vom Ahorn, der Kastanie, der Buche oder auch der Linde sein. Ganz egal, Hauptsache, nicht zu klein. Natürlich gibt es im Internet auch schon fertige Druckvorlagen, die ihr dann ganz einfach ausschneiden könnt.

Schritt 2
Du ahnst es schon, genau: Schneide als nächstes Dein Blatt aus und verwende es als Schablone für das Filzmaterial. Ganz herkömmliches, drei Millimeter dickes Bastelfilz reicht aus, um Deinen Untersetzer zu basteln. Wir hatten zu Hause leider nur noch dünneres; es hat aber trotzdem gut funktioniert und schützt den Tisch prima vor Abdrücken von heißer Flüssigkeit.
Halte dazu nun also Dein Papierblatt auf dem Filz fest und zeichne ganz einfach die Umrisse nach.

Schritt 3
Schneide das Blatt im Anschluss mit einer scharfen Bastelschere aus und zeichne den Rand mit Textil-Malstiften nach. Es eignen sich Dunkelbraun oder Schwarz oder Dunkelgrau. Du kannst auch gewöhnliche Filzstifte nehmen, dann allerdings wird es mit einem eventuellem Säubern später etwas schwierig … Wenn Dir Malen und Zeichnen richtig viel Spaß machen, kannst Du auf Deinem ausgeschnittenen Filzblatt auch kleine Blattadern einzeichnen, damit Dein „künstliches Naturprodukt“ etwas authentischer wirkt. Du kannst diesen Schritt des Anmalens aber auch komplett auslassen, wenn Du es lieber schlichter hast.

Schritt 4
Du bist fast fertig. Yaaaay! Macht euch nun einen Tee, Kakao und/oder Glühwein – und testet eure neuen, herbstbunten Filzuntersetzer in Blattform. Viel Spaß beim Nachmachen und Genießen!

Mamagarten?

Tag 1: Es lebe die Murmelbahn!

Es ist soweit: Mein kürzlich drei Jahre alt gewordenes „Baby“ hat heute seinen ersten Kindergartentag. Ich bleibe mit dem Kleinen, in einigen Tagen wird er dann – hoffentlich – allein hier verweilen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich aufgeregt, ein wenig traurig, aber auch erfreut: Denn ab heute werde ich nach einigen Jahren Kinder-Vollzeit-Betreuung die Vormittage nur für mich haben – na, und fürs Schreiben, den ganzen Haushalts-, Hof- und Gartenkram. Als K. noch ausschließlich zu Hause war, schaufelte ich mir während seines Mittagsschlafs oder eben abends ein paar Stunden frei, um zu schreiben. Als Freischaffende hatte und habe ich noch immer das Privileg, mir die Zeit fürs Arbeiten selbst einzuteilen und sehr viel für die Kinder da zu sein.

Glück hat auch mein Kleiner: Er kennt den Kindergarten bereits von seinem sechsjährigen Bruder (der seit ein paar Tagen ein waschechtes Schulkind ist): Es ist dieselbe Einrichtung, die gleiche Gruppe, in die K. ab heute gehen wird. Sein großer Bruder überließ ihm beim Kindergartenabschied sogar sein Gruppenzeichen: die schüchtern dreinblickende Robbe: „Möchtest Du mein Zeichen?“ – „Jaaa!“ Und mein Herz schmolz dahin.

Wir kommen an und wissen sofort, wo wir alles ablegen oder hinstellen, an welchen Haken wir die Jacke und den Rucksack hängen müssen. K. zieht sich ganz stolz allein die Hausschuhe an und bringt seine Straßenschuhe zum Regal. Es läuft gut mit mir an seiner Seite. Er baut mit den Erzieherinnen und anderen Kindern eine Murmelbahn. Um elf gehen wir nach Hause – es ist ein guter Vormittag.

Tag 2: ein erster kurzer Abschied

Heute darf ich kurz allein nach Hause gehen und eben die Regenklamotten holen. Einige Kinder wollen draußen auf dem Spielplatz mit der Wasserbahn und Booten spielen. Es ist kein Problem für K., ich komme direkt wieder und halte mich im Hintergrund zur Verfügung. Wie schön er mit der Erzieherin interagiert. Ein wenig wehmütig sehe ich den beiden beim Buddeln, Bauen und Spielen zu. Mein Kleiner ist „groß“ geworden.

Tag 4: Mamagarten?

Ich bereite K. frühmorgens darauf vor, dass ich heute nach der Verabschiedung wieder nach Hause gehen und arbeiten muss. Er will nicht in den Kindergarten, sagt er. Doch, revidiert er, er möchte schon. Aber nur, wenn ich immer mit dortbleibe. „Das geht leider nicht, Schatz. Der Kindergarten ist doch nur für Kinder“, erwidere ich. Mein kleiner Sohn beginnt zu weinen. „Mama, dann soll das ein Mamagarten werden; dann kannst du bleiben.“ Es bricht mir fast das Herz, aber schmunzeln muss ich auch, denn es klingt so süß, was er da sagt. Als wir ankommen, übergebe ich ihn der Erzieherin. Etwas zu schnell, denn K. weint. Ich gehe trotzdem um die Ecke und höre, wie er sich in Windeseile wieder beruhigt. Das fühlt sich doch schon etwas mies an. Morgen bleibe ich noch ein paar Minuten länger – bis er so weit ist.

Tag 7: zwischen den Schleich-Tieren

K. hat inzwischen eine eigene – cool, es ist auch meine! – Strategie entwickelt: Ich soll noch etwas mit in den Gruppenraum kommen, mich dann auf einen Hocker bei der Kiste mit den Schleich-Tieren setzen und dann noch etwas warten. Ein paar Minuten reichen aus, dann lässt er sich von den Erzieherinnen in ein Spiel verwickeln.

Tag 9: kurz und knapp, Mama weg

Jeden Morgen fragt mich K. viele Male, ob ich noch mit ihm im Kindergarten bleibe. Geht klar. Heute geht es aber schnell: K. geht mit seiner Erzieherin. Sie setzen sich auf einen Spielteppich und bauen prompt eine Murmelbahn, ich gehe. Und es kullern keine Tränen. Ich hingegen werde schon wieder etwas sentimental.

Tag 14: Mama, das ist doch ein Kindergarten!

Als ich heute Morgen auf dem Hocker bei den Schleich-Tieren sitze und damit herumhantiere, passiert es. K. nimmt meinen Kopf in seine Hände, schmatzt mir ein feuchtes Küsschen auf den Mund und sagt das, was ja eines Tages kommen musste. „Mama, das ist doch ein Kindergarten. Kein Mamagarten!“

Liebling, unser Kind schrumpft!

Kindchenschema adé

„Mama, nimm mich hoch!“ Mein Sechsjähriger steht vor mir und hebt weinend die Arme; lang ist er geworden, total schlaksig. Wie gut erinnere ich mich an die anstrengenden Zeiten, in denen er diese vier Worte eigentlich ständig zu mir sagte. Da war mein Sohn etwa zwei Jahre alt. Wann ist eigentlich sein Babyspeck verschwunden? Wann sind seine Gesichtszüge so gereift?

Kindchenschema adé: Mein P. ist definitiv kein Kleinkind mehr. Seit ein paar Tagen ist er ein Schulkind – und hat sich in ein Wesen verwandelt, das ich manchmal gar nicht wiedererkenne.  Was ist da los? Welchen Entwicklungsschub macht der arme Kerl da jetzt gerade wieder durch? Klar, sein Körper wächst und mit ihm sein Verständnis für die Welt. Fragen über Fragen stellt er – manchmal klingeln mir regelrecht die Ohren. Doch sein Inneres scheint zurzeit zu schrumpfen: Er benimmt sich wieder wie ein Kleinkind.

„Mama, du hast K. viel lieber als mich“

Auf dem Tisch vor mir liegt das Buch „Wackeln die Zähne – wackelt die Seele“. Ich bin bereit. Dann mal her mit Information und gutem Rat. Die Autorinnen Monika Kiel-Hinrichsen und Renate Kviske behaupten Folgendes: Kinder im Alter wie mein ältestes befinden sich in einer Art Pubertät, der sogenannten Wackelzahn-Pubertät, die man im Volksmund auch als „Sechs-Jahres-Krise“ bezeichnet. Jedenfalls beschreiben die Damen in dem Werk sehr anschaulich, wie wenig unser Junge aktuell allen anderen Menschen traut – und am wenigsten aber wohl sich selbst. Oho! Und genau das lässt er seine Umgebung momentan auch spüren.

„Mama, Du hast K. viel lieber als mich“, sagt er über seinen um fast genau drei Jahre jüngeren Bruder. „Mich liebst Du gaaar nicht, Du kümmerst Dich nur um den!“ Sätze wie diesen sagt er aktuell manchmal aus heiterem Himmel und schaut mich dann so seltsam an. Auf eine Reaktion wartend, abschätzend, prüfend. Da müssen wir jetzt wohl alle gemeinsam einfach durch – am besten mit viel Lachen …

Mein Kind glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich

P. kommt aus der Schule. Er ist müde. Klar, lernen ist anstrengend. Ausruhen möchte er nicht, aber mit mir spielen. Er schlägt „Mensch ärgere Dich nicht“ vor. Oh-oh. Meine Alarmglocken schrillen. Heute wird das höchstwahrscheinlich nach hinten losgehen – und nicht so sehr viel mit Lachen zu tun haben. Erste Runde. Mein Sohn verliert – und die Erde bebt. Ich sehe, wie sich sein kleiner Körper verkrampft. Er will das Spiel noch einmal von vorn beginnen. Und schummelt. Er will nicht mehr spielen. Er weint. Doch dann: Mein Sohn gewinnt! Puh, da habe ich aber jetzt Glück. Doch nicht. Die Erde bebt trotzdem …

Steht dazu auch was in meinem schlauen Buch? Ich lese und verinnerliche: Der Sechsjährige glaubt – nein, er weiß für sich: Niemand liebt mich. Und jetzt habe ich auch noch gewonnen! Da hat Mama mich ja noch weniger lieb! Gewinnen möchte ich aber trotzdem ..

Was für ein Dilemma! In seiner Haut möchte ich wirklich nicht stecken. Ich atme tief durch und beschließe, erst einmal das Mittagessen fertigzustellen. Während die Zwiebeln vor sich hin brutzeln, denke ich an den inzwischen verstorbenen dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Und wie er einmal gesagt hat, dass man seine Familie als ein spannendes und neues Projekt betrachten soll, „dessen einzelne Teilnehmer nicht von vornherein bestens qualifiziert sind.“ Beruhigend, finde ich und nehme mir fest vor, mir das so oft es geht vor Augen zu
halten.

„Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ – Das kann er doch schon lange allein…

Nach dem Mittagessen möchte P. „in Ruhe“ sein Hörbuch hören. Das geht klar, eine kleine Pause käme auch mir sehr gelegen. Pustekuchen. Der kleine Bruder – seit zwei Tagen im Kindergarten – kommt angerannt und möchte mit P. spielen. „Nein!“, brüllt der da plötzlich los. Und mein Kind Nummer zwei, das selbst unglaublich müde ist, erschrickt natürlich so sehr, dass er das Weinen beginnt. Na toll.

Einige Zeit später. Ich muss noch einkaufen. „Mama, DU sollst mir die Schuhe anziehen!“ Wie bitte? Das kann mein „Großer“ doch schon lange allein. Genau das gebe ich ihm verbal zu verstehen. „K. ziehst Du auch immer an, ich will das auch!“ Aha, daher weht der Wind. Na gut, dann gebe ich heute mal nach und helfe ihm damit. Denn es ist wirklich ein anstrengender Tag, und ich muss zusehen, dass wir alle da unfallfrei und unbeschadet durchkommen.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein

Ich habe jetzt also einen „Wackelzahn-Pubertierenden“ und ein Kleinkind in der Autonomiephase, das neu in der Kita ist. Und beide Lebensphasen haben folgende Parallelen: die Euphorie auf der einen und das Betrübte auf der anderen Seite. Das Auf-und-ab, das Hin-und-her, die Launenhaftigkeit, die innere Zerrissenheit, die Ohnmacht, die Wut, das Chaos. Beide Kinder wissen zur Zeit einfach nicht, wo sie hin sollen mit all ihrer Energie, ihrer neuen Kraft, ihren Gefühlen. Und sie streiten und streiten. Ach ja, und sie streiten.

Zurzeit muss ich wirklich stark sein. Doch dass ich ihnen ihre Freiheiten gebe und sie ihnen an anderer Stelle wieder nehme – je nachdem, wie es gut für sie ist und sie es gerade brauchen – ist manchmal wie ein ziemlich schmerzhafter Spagat. Aber ich weiß ja: Das alles gehört zum Größerwerden dazu. Unsere Kids lösen sich wieder ein Stück von uns Eltern, sie werden selbständiger. Und genau diese wachsende Autonomie macht ihnen dann wiederum Angst, und sie suchen Halt bei uns.

„Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

Wie sich das wohl für mein frischgebackenes Schulkind und meinen Kita-Zwerg anfühlen mag? Den Alltag, so wie beide Jungs ihn bisher kannten, gibt es nicht mehr. Die Veränderung wirkt bedrohlich und fremd, doch zugleich ist da diese unbändige Neugierde, die Spannung und Vorfreude auf das Neue. Ich werde ein bisschen traurig und muss schlucken. Bestimmt ging es mir damals als kleines Mädchen genauso.

Und da steht er nun vor mir, mein nicht mehr ganz kleiner, aber eben auch noch nicht sehr großer Sechsjähriger. Er hat sich das Knie gestoßen – heute übrigens schon zum zehnten Mal oder so – und weint fast wie damals, als er noch ganz klein war. Es scheint, als würde er am liebsten in mich hineinkriechen. Ich nehme ihn hoch und halte ihn ganz fest. Sein Kopf liegt auf meiner Schulter. „Mein kleiner Schatz“, sage ich liebevoll und leise, während ich ihn etwas wiege. Entsetzt hebt er den Kopf und schaut mich an. „Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“

Wo ist Omas Seele?

„Mama, sei nicht so traurig.“
Mein bald Sechsjähriger streicht mir mit seiner immer noch ziemlich kleinen Hand etwas unbeholfen und dennoch selbstsicher über die Wange. Oh Gott, mein Herz …
Seine braungrünen Augen spiegeln sein sanftes, mitfühlendes Wesen wider. Seine immer länger werdenden braunen Haare umfließen das feine Gesicht, in dem ich oft mich selbst und oft auch seinen Vater erahne.

P. schaut jetzt ebenfalls traurig. „Mama, mach‘ Dir keine Sorgen. Omas Seele ist doch hier bei uns.“
Ich horche auf.
„Sie spielt jetzt was mit uns. Jetzt gerade. Wirklich!“
Wie kann das sein? Es überkommt mich, ich weine – und niemand hat etwas dagegen. Ist das schön, was mein Sohn da sagt. Und wie standhaft, unerschütterlich, felsenfest er daran glaubt …

Was bleibt
Nicht meine eigene Mutter, sondern meine Schwiegermutter ist vor einer Weile verstorben – im Januar. Und doch fühlt es sich manchmal an, als wäre es erst gestern gewesen. Doch gestern war kalt, schnell und gierig. Unbarmherzig und dennoch gnädig …
In einem „guten“ Alter war sie, so sagt man: Sie hatte Mitte Achzig fast erreicht. Nicht jung, nicht zu alt, sie hat wohl jedenfalls nicht gelitten an ihrem Ende, behaupten die Ärzte.
Leider ist das nur ein schwacher Trost, denn sie fehlt. Uns allen.

Das Beben ihres kleinen, im Alter rundlich gewordenen Körpers beim Lachen. Die spitzbübisch funkelnden Augen. Das bisweilen sehr energische Wesen, der halblange, graue Pagenschnitt. Ihr „Was soll’s!“ und ihr „Scheiß drauf.“ Das Glas Sekt, nichts Süßes, eher trocken bitte.

Die Mutter meines Mannes, die Großmutter meiner beiden kleinen Jungs und meiner Nichte. „Die mit den drei Überraschungseiern“, weiß P. Wie lange mein älterer Sohn das wohl sagen wird? Immerhin wird er sich an sie erinnern. Der kleine K. hat noch keine Ahnung. Irgendwie ist das auch gut so.
Aber es ist auch so traurig. Denn Oma war prima. Ich wünschte, sie würde auch ihm im Gedächtnis bleiben. Aber was tatsächlich bleibt, ist sie. In K. In P. In ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Enkelin … und auch in mir, obwohl wir genetisch nichts teilen. Wir hatten etwa etwa elf gemeinsame, geliebte und gelebte Jahre.

Ich wollte und möchte immer noch, dass ihr Tod uns alle noch enger zusammenschweißt, uns in Liebe und Geborgenheit miteinander „zurücklässt“.

Die Aufbahrung
P. umfasst das Bein seines Vaters. Der bis zuletzt bei Oma C. war. Genau, wie dessen Schwester M. und seine Nichte M. – eine tolle, einfühlsame, und so bodenständige Krankenschwester. Was für ein Team. Ich bin stolz.

P. guckt skeptisch, aber nicht ängstlich. Ich habe ihn auf die – wie er es nennt – „Aufbewahrung“ vorbereitet. Soweit es denn ging. (Geht so etwas überhaupt?)
Oma wird dann anders aussehen, blass. Sie wird nicht schlafen. Nein, sie wird tot sein. Sie ist tot. Ihre Augen werden nur deshalb geschlossen sein, weil man sie geschlossen hat … Aber sie schläft nicht. Ich möchte nicht, dass P. glaubt, seine Oma sei im Schlaf gestorben. Ich möchte nicht, dass er Ängste entwickelt. Verhindern werde ich wohl nichts dergleichen je können, denn Angst kommt. Und geht hoffentlich.
Ich selbst verspüre jetzt gerade eine unbändige Angst.

Es ist soweit.
Auf mich wirken alle soweit „gefasst“, als wir sie sehen. Ich bilde mit meinem bald drei Jahre alten K. auf dem Arm das Schlusslicht, als wir eintreten. Ehrlich gesagt halte ich ihn oben, weil ich so das Gefühl habe, mich hinter ihm verstecken zu können.
Ich halte ihn gewissermaßen umklammert.
Und ich bin es dann auch, die nicht an sich halten kann und sehr und laut weinen muss. Alle weinen natürlich, aber ich muss wirklich die Hand vor den Mund drücken. „Muss“ ich das wirklich? Ich glaube, ich muss. Es tut so weh. Oma tut mir so leid. Immerzu denke ich nur: die Arme.

Und P.?
Sagt, als wir wieder zu Hause sind: „Sei nicht traurig, Mama. Sie ist mit Gott.“
Ja, wirklich?
„Und spielt mit uns Lego.“
Das wäre schön.

Mama, ICH mach‘ das!

Knapp vor sieben Uhr morgens. Der Wecker klingelt …
Nicht. Denn ich habe ja ein aufgewecktes Kleinkind. K. weckt mich also mit „Hallo, Mama!“ und einem unglaublich feuchten Liebesküsschen. Süüüß. Wahrhaftig schön, so aufzuwachen (mir schmilzt das Herz … ) – wenn draußen nicht diese grausame Dunkeheit wäre … (Wann ist das eigentlich passiert?!)
Wir stillen noch ein bisschen (ja, liebe Langzeitstillgegner, das tun wir noch ziemlich oft!), das gibt mir Zeit, wach zu werden. Aber dann muss ich auch schon stramm Gewehr bei Fuß stehen (Woher kommt eigentlich diese Redewendung? Das ist doch was für meinen nächsten Beitrag oder?).

K. tappelt zum Lichtschalter. Bämm! Gnadenlose Helligkeit. Ich ziehe die bunte Bettdecke über den Kopf und grummele so vor mich hin. „Mmmmmmmmmmmm …“
Ich will noch nicht aufstehen … Zu meiner Mutter habe ich früher immer gesagt: „Nur noch fünf Minuuuuten.“ Heute geht das natürlich nicht mehr.

„Mama! Aufdeeeh’n!“ Der Zweijährige kommt, zieht mir energisch die Decke weg, springt auf mich drauf. Autsch. Die Wirbelsäule … Fünfzehn Kilo sind schon eine Menge.
„Kassee machen.“ Hm? Kaffee, ja, gute Idee. Dass der schon weiß, was Kaffee ist … (Ich muss an meiner Verziehung arbeiten … )
Ich stehe auf, tapse ins Bad. „Ich mach Licht an!“ Ruft der kleine Tyranno-Benglus K. – und weckt dabei gleich noch seinen Vater und Bruder, die eben noch tief im Familienbett schlummerten.

Nein, denke ich – immer noch auf dem Klo sitzend – jedenfalls zutiefst erschüttert, bitte nicht, es ist mir zu hell … Bämm! Dong! Da ist sie wieder. Diese Helligkeit. K. trottet – falsch, eigentlich rennt er – ins Kinderzimmer, kommt mit ein paar Autos wieder. „Mama, Du mitspiel’n!“ Jetzt?! Ich muss doch bitte erst mal wach werden … „Mamaaaaaaaaa!!!“ Oh Gott, steh‘ mir bei. „Hallo … ja, geht mir guhuuut. Und Dir? Komm, wir fahren Kaffee machen.“ Zusammen steigen wir die Wendeltreppe hinunter. Längst kann er allein hinuntersteigen, aber seit ein paar Tagen fordert er wieder meine Hand – egal, was da komme, egal, was ich sonst noch trage, egal …“ Egal. (Was ist _das_ nun eigentlich wieder für ’ne Phase? Rhetorische Frage. Muddi weiß natürlich bescheid, ha!)

„Ich mach‘ Licht an!“ Jaja, ist ja schon gut. Mach Du mal. Ich möchte Wasser in den Kocher füllen. „Mama, ich mach das!“ Jawoll ja. Dann hol mal Deinen Stuhl. Mhm. Ja, schieb ihn an die Spüle. Gut so. Vorsicht, nicht so weit aufmachen, den Wasserhahn … ja, so ist gut. Prima! (Wie gut er das macht!)
Ich nehme die Kanne des Wasserkochers, möchte den Deckel wieder schließen, um ihn der Elektronik nahe zu bringen – in  der Hoffnung auf lecker kochendes Wasser … (Gleich schlafe ich ein …)

„Ich mach das!!“ Entschuldigung. Hab‘ ich kurz vergessen. Klaro. (Ich bin so fehlerhaft.) Vooooorsicht, okay. „Ich mach Schalter an.“ Geschafft.  Das Wasser beginnt zu kochen, der Kaffeegenuss naht …
Und das jeden Morgen.
Und es ist erst der Morgen.
Irgendwie schön, irgendwie anstrengend.
Ich bin glücklich darüber, ich bin müde.
Ich bin …
Mutter.
(Hier bitte das Herz einfügen.)

Kleiner Klugscheißerdialog

Beim Sonntagsfrühstück. Mein kleiner K. kippt den Wasserbecher um. Weil das bei beiden Kindern gefühlt andauernd passiert, entfährt mir leider etwas barsch: „Manno, wirf doch nicht immer den Becher um.“
Ich bin nicht stolz darauf, bereue das Gesagte sofort (außerdem ist es nur Wasser), aber noch bevor ich es abmildern oder mich bei K. entschuldigen kann, folgt sie auch schon: die gnadenlose Interjektion.

P.: „Mama??“
Ich: „Mhm?“
P.: „Wirklich immer? Macht der K. das immer?“
Ich (seufzend): „Nein, natürlich macht er das nicht immer. Manchmal aber eben schon  … “
P.: „Mama, nein. Dann musst Du das auch so sagen: K., wirf doch nicht manchmal den Becher um.“
Ich: „Äh … “ Ich halte inne, bin platt. Er hat recht … „Da hast Du recht.“
Tja. Ich fühle den unsichtbaren Spiegel förmlich vor meinem Gesicht. Der Bengel kommt eben ganz nach mir.

Abenteuerreisen

 

Vor meinem Leben mit den Jungs bin ich viel gereist. Wir als Familie machen immer noch Ausflüge und längere Trips, jedoch nicht mehr ganz so weit weg wie früher. Richtig „weit weg“, das ist für mich zum Beispiel Thailand. Vor einigen Jahren war ich dort. Eine Rucksackreise über mehrere Wochen und durch verschiedene Wunderwelten. Jeden Tag notierte ich Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, die ich hier – zusammengefasst in einer Reportage für ein tolles Reisemagazin – gerne mit euch teilen möchte. Eines Tages möchte ich dorthin zurückkehren – mit meinen drei Jungs.

Wie ist das bei euch? Welche Reisen haben euch besonders gefallen/geprägt?

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„We don’t like many tourists“, sagt der alte Mann kopfschüttelnd in gebrochenem Englisch. Er sitzt an meinem Nachbartisch, nippt langsam an seinem Tee, während er mich betrachtet. Ich kann nur schwer einschätzen, wie alt der Thailänder ist. Vielleicht zählt er so um die achtzig Jahre, womöglich weniger. Auf jeden Fall ist er sehr klein, sein Gesicht wettergegerbt und von Falten durchzogen. Irgendwie erinnert es mich an eine Landkarte. Wir sind die einzigen Gäste in dem kleinen Hafencafé an der Ostküste der Insel.
Es ist mein erster Tag auf Koh Yao Noi, ich bin seit knapp einer halben Stunde mit einem gemieteten Moped unterwegs – und schon habe ich eine Bekanntschaft gemacht.
Der Mann berichtet von seinem Leben auf der Insel. Hier ist er geboren, hier lebt seine Familie. Fast alle sind oder waren Fischer wie er selbst. Bei ihm sei das aber schon eine ganze Weile her. Da sei er noch jünger gewesen. Er lacht, einer der unteren Schneidezähne fehlt. Heute kümmern sich seine Kinder und Enkelkinder um das Einkommen der gesamten Familie. Er komme fast jeden Tag hierher in das kleine Café, um einen Tee zu trinken und ab und zu die Zeitung zu lesen.

Es ist kurz nach neun Uhr am Morgen, die Sonne scheint. Und doch ist es noch recht frisch am Pier von Tha Khao Village. Mich fröstelt, ich ziehe meine dünne Windjacke etwas enger um mich. Am Abend zuvor bin ich mit dem Speedboat von Krabi hergekommen – auf die Insel, der man nachsagt, sie sei eines der letzten noch unberührten Paradiese dieser Erde und ein absoluter Geheimtipp für Backpacker und Abenteuerreisende.

Die vergangene Nacht habe ich in einem hübschen Bungalow mit Strohdach, Holzdielen und Hängematte verbracht. Gut geschlafen habe ich allerdings nicht: Zu sehr habe ich dem exotischen Fiepen, Zirpen und Schnarren mir unbekannter Insekten gelauscht.

„Koh Yao Noi“ – das bedeutet: kleine, lange Insel. Zusammen mit ihrer größeren Schwester Koh Yao Yai („große, lange Insel“) bildet sie die Inselgruppe Koh Yao, die zwischen der Touristeninsel Phuket und Krabi auf dem Festland liegt.

Der Alte erklärt mir, dass fast alle auf der Insel Muslime seien und dass es hier kaum Tourismus gebe. Nur etwa 3.500 Menschen leben hier. Ich lausche seinen Worten und schaue ab und zu hinaus aufs türkisfarbene Meer, aus dem unzählige kleine und größere Felsen ragen. Sie alle sind Teil des traumhaft schönen Phang Nga Marine National Parks. Ein Park mitten im Meer – dieser Gedanke gefällt mir.

Ich lächele vor mich hin – und ernte einen eindringlichen Blick von meinem neuen Freund. „You friendly, but not all guests are.“ Ich setze mich aufrecht hin und bemühe mich um eine ernstere Miene. Der alte Mann klärt mich auf: Oft seien Touristen respektlos und laut, und schon allein deshalb lehne man den Massentourismus auf Koh Yao Noi ab. „Auf den anderen thailändischen Inseln gibt es kaum noch ungestörte Plätze, alles ist voller Menschen, und das versuchen wir wenigstens hier zu verhindern“, erklärt er auf Englisch. Ein wenig besorgt vermute ich, dass sich das in den kommenden Jahren sicher ändern wird. Aber diesen Gedanken behalte ich lieber für mich.

Ich erfahre, dass bereits ein einziger Tag ausreicht, um die zwölf Kilometer lange und acht Kilometer breite Insel zu erkunden. Ich habe eine Karte dabei und lasse mir zeigen, was sehenswert ist.

Dann wird es Zeit für mich, aufzubrechen. Ich winke zum Abschied und werfe mein Moped an – eine kleine, rote Honda, die mich 200 Baht am Tag kostet – das sind knapp fünf Euro.

Ich fahre auf die einzige Hauptverkehrsstraße der Insel, die sich am gesamten Küstengebiet entlangschlängelt. Kaum bin ich ein paar Meter gefahren, sehe ich im Meer ein paar asiatische Kinder baden – vollständig bekleidet. Niemand sonst befindet sich an dem wunderschönen, gelben Sandstrand, über den ich später lese, dass er Hat Pa Sai heißt.

Ich fühle mich frei und lasse mir den Fahrtwind ins Gesicht blasen. An den Linksverkehr muss ich mich noch gewöhnen. Auf gerader Strecke ist das Fahren kein Problem, doch beim Abbiegen muss ich mich noch stark konzentrieren, dass ich nicht aus Versehen die Seiten vertausche.

Ich erreiche die Westküste und fahre vorbei an mystisch wirkenden Mangrovensümpfen. Eine ziemlich verlassene Gegend ist das hier – zumindest auf den ersten Blick. Doch nur wenig später kommt mir ein etwa zehnjähriger Junge auf einem Motorrad entgegen. Sein Gefährt ist wesentlich größer als meins, ich bin fast schon ein bisschen neidisch. Der Junge trägt ein schmuddelgelbes T-Shirt, das in starkem Kontrast zu seinem leuchtend-schwarzen Haar steht. Hinter ihm sitzt ein kleines Mädchen mit Strohhut – vermutlich ist sie seine Schwester. Die Kinder winken mir ausgelassen zu, ich lächele zurück.

Als ich an ein paar Reisfeldern vorbeifahre, falle ich fast vom Moped, so romantisch-beeindruckend ist der Anblick, der sich mir da bietet: Ein Wassbüffel steckt tief im Gras verborgen und frisst. Man sieht auf den ersten Blick nur seine Hörner. Ich halte an und fotografiere ein paar Vögel, die sich auf dem Schädel des imposanten Tieres niedergelassen haben.

Ich erreiche den einzigen Ort der Insel, in der es ein paar Geschäfte gibt: Ban Yai. Hier findet man auch ein Café, das sich „Je t’aime“ („Ich liebe Dich“). Ich trinke einen Kaffee und erfahre, dass das Lokal in der Hand eines Franzosen und einer Dänin ist. Ihre Lebensphilosophie: für den Moment leben und nur das machen, was Freude bringt. „Wenn wir keine Lust mehr auf den Laden hier haben, ziehen wir weiter und machen was anderes“, sagt mir die dänische Blondine in ziemlich gutem Deutsch. Sie sei vor sieben Jahren als Backpackerin hergekommen und einfach hiergeblieben.

Als ich den Süden der geheimnisvollen Insel erreiche, staune ich, dass es landschaftlich noch vielfältiger geht: Hier gibt es weite Weideflächen, soweit das Auge reicht.

Bevor es dunkel wird, möchte ich noch eine Runde joggen gehen, um das Erlebte und Gesehene mental zu verdauen. Zurück in meinem Bungalow schlüpfe ich in meine Sportschuhe und lauf auf die Hauptstraße. Das Meer ist jetzt verschwunden: Es ist Ebbe. Eine Frau mit Kopftuch sammelt ein paar Muscheln. Irgendwann biege ich links in den Urwald ab. Ich laufe auf teilweise schlammigen, rotsandigen Wegen, vorbei an Ananas- und Kautschuk-Plantagen. Ich beobachte, wie sich die milchige Flüssigkeit ihren Weg aus den Bäumen in kleine schwarze Behälter macht. Hier und da begegnet mir ein einsamer Arbeiter und hebt grüßend sein verstaubtes Basecap.

Als ich zurück in meiner Bungalowanlage bin, habe ich Hunger. Ich bestelle mir ein grünes Curry und gebratenen Reis. Gegen Mitternacht liege ich in meinem mit Moskitonetz umspannten Holzbett und versuche, mich auf meinen Thailandführer zu konzentrieren. Ich lausche nach draußen – und höre nichts, absolut gar nichts: kein Basswummern aus Hotelanlagen wie auf Phuket, keine grölenden Touristen, es ist alles unglaublich still. Ich denke an den Fischer von heute morgen und an das, was er gesagt hat. Lächelnd schlage ich eine weitere Seite in meinem Buch um.

 

Ballett statt Fußball?

„Ballett ist kraft- und anspruchsvoll, es ist richtig dynamisch“, schwärmt mir meine Freundin Christina bei einem Milchkaffee in unserem Garten vor. Sie ist Ballettlehrerin mit eigener Schule in Rastede bei Oldenburg. „Und das ist auch der Grund, warum Jungs hier eigentlich gut aufgehoben sind.“
Eigentlich? Die Mittvierzigerin schürzt nachdenklich die Lippen. „Weißt Du, von meinen knapp achtzig Schülern sind genau zwei männlich. Es sind Brüder, die sich beim Unterricht der Schwester ins Ballett verliebt haben.“ Der ältere der beiden tanzt mittlerweile drei Mal in der Woche: Ballett und Flamenco.
Warum machen das eigentlich so wenige Jungs? „Hierzulande gibt es leider immer noch so viele Vorurteile hinsichtlich des Jungenballetts“, erklärt Christina. Und ganz nebenbei bemerkt kann ich mir P. und K. tatsächlich nicht so richtig dabei vorstellen …

Während des Gesprächs kommt Christinas Tochter angerannt, P.s Freundin mit P. im Schlepptau. Die Fünfjährige tanzt ebenfalls seit einer Weile. Das Mädchen mit dem frechen, blonden Kurzhaarschnitt führt uns etwas vor, strahlt dabei über das ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd. Dann läuft sie wieder davon. P. flitzt natürlich sofort hinterher. Und K.? Der rennt hinter P. her.
„Für Mädchen gibt es hierzulande so viele Angebote“, sagt meine Freundin. „Zum Beispiel den Girls Day. Es gilt aber auch als cool, wenn Mädchen zum Fußballtraining gehen.“ Wenn aber Jungs ihre Leidenschaft für den Tanz entdecken, sieht man überall Stirnrunzeln.“ Christina legt eine Erzählpause ein und sieht unseren drei Kids ein bisschen beim Spielen zu.

Weiter im Text. In Ländern wie Russland habe das Ballett übrigens einen ganz anderen Stellenwert. Dort sei man stolz darauf, Tänzer zu sein – ein ehrbarer Beruf wäre das. „Spätestens mit der Pubertät beginnen bei uns aber die Hänseleien“, meint Christina. „Und Ballett wirkt plötzlich irgendwie schwul.“
Was müsste denn ihrer Meinung nach getan werden, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen? „Ballett hat doch nichts mit Homosexualität zu tun! Es erfordert Kraft, es werden Partnerinnen durch die Luft gewirbelt. Du kennst doch den Film ‚Billy Elliot‘: Ein Vater schickt seinen Sohn zum Boxen, doch der geht heimlich tanzen und schafft es auf eine renommierte Akademie. Dieser Film jedenfalls zeigt dynamische Bewegungen, genau die gilt es herauszukehren … Schau Dir doch mal Videoaufzeichnungen vom ehemaligen Balletttänzer Mikhail Baryshnikov an; was konnte der damals springen!“ Sie könnte sich stundenlang darüber auslassen. Ich nippe an meinem Kaffee und bewundere sie heimlich.

Meine Freundin erzählt noch, dass sie gern zusammen mit ihren beiden Mitarbeitern eine solche Jungsballettklasse ins Leben rufen würde. „Zu Beginn, bei der tänzerischen Früherziehung, unterscheidet sich der Ballettunterricht von Mädchen und Jungen noch nicht sehr. Es werden Elemente der russischen Waganowa-Methode und der englischen Royal Academy Of Dance miteinander kombiniert. So können wir individuell auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen und sie fördern. In unseren Klassen legen wir Wert auf das Zusammenspiel von Technik, Athletik, Kreativität und Musikalität.“
Und später dann? „Ab dem siebten oder achten Lebensjahr gibt es schon so einige prägnante Unterschiede. Aber nur kurz: Hier bekommen Jungs bei uns den Raum für dynamischere und kraftvollere Bewegungsabläufe, den sie ja auch brauchen.“ Christina macht eine entsprechende starke Geste mit ihrem Arm. Schon wieder himmele ich sie an. Meine Powerfreundin mit dem feinen Herzen.

„Ich bin ein Hexenjäger!“, tönt es lauthals durch den Garten. Das Töchterchen kommt mit funkelnden Augen und zerzaustem Blondschopf angerannt, ein erhobener Stock dient ihr als Schwert. Ihre Mutter lacht herzhaft; der Stolz steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Da, siehste!“, Christina wird jetzt auch richtig laut. „Genau das dürfen heute alle Mädchen sein: Hexenjägerinnen, Rennfahrerinnen, Ritterinnen … Und was fehlt?“ Kurze Erzählpause, dann ein Grinsen: „Der singende, springende Prinz!“

Informationen:
Christina Bayer, Oldenburg, 0441/3044038

Ein eher nicht so entspannter Alltagstag …

Kurz vor sechs Uhr am Morgen. Mein kleinster Junge ist erwacht und „küsst“ mich. Süße Schlabbersabber im Gesicht. „Mama, Buch leseeen!“ Ich versuche, seinen Befehl seine Bitte zu ignorieren. Der Knabe krabbelt unsanft über mich hinweg, läuft zum Bücherregal, kommt mit irgendsoeinem dicken, schweren Buch über den Bauernhof wieder. Aua! Er trifft mich am Kopf. „Mama ist noch sooo müde!“, entfährt es mir. K. meckert los. „Ist ja gut“, versuche ich ihn ungeduldig zu beruhigen. „Komm her, mein Schatz, wir kuscheln noch ein bisschen.“ Jetzt plärrt weint er. Also kein Kuscheln? „Lesen, Mama!!“
Eine Energie hat dieser Zweijährige am frühen Morgen. Von mir hat er das jedenfalls nicht …

06:45 Uhr: K. zieht mir die Decke weg. Gnadenlos. „Mama, aufdeehhn, rundergehn, Kassee!“ Stimmt. Kaffee könnte mir helfen. (Wird er garantiert nicht. Das tat er nie. Und er wird mich auch nicht wecken. Aber allein der Glaube an die mit Kaffee verbundene Gemütlichkeit, im Bett sitzend und schlürfend … der versetzt Berge, in diesem Fall die Schwangerschaftsunddanachimdoppelpackberge meines Körpers: Ich muss mich dann jetzt mal hochwuchten aus diesem kuscheligen, warmen, einladenden Bett … )
Wieder fallen mir die Augen zu. Nur noch eine Sekunde schlafen … Aber mein persönlicher Wecker K. zieht weiter energisch an der Decke (und jetzt auch an mir) herum. „Ich komme ja. Maaaann!“, maule ich.

07:10: Als ich mit dem Kaffee wieder hochkomme, schläft der große „Junge“ natürlich noch. P. auch. Die haben vielleicht Nerven … Während ich schon eine gefühlte Ewigkeit wach und doch sooo müde bin – und Bauernhofbuch lesen muss. (Alle Versuche, K. noch einmal zum Dösen zu bewegen, waren natürlich kläglich gescheitert. Nachher verstecke ich dieses blöde Buch!) Das Leben ist ungerecht.

7:45 Uhr: Das Kinderzimmer ist quasi verwüstet, das Klo besetzt, P. will sich nicht anziehen („erst naaaaach dem Frühstüüüück!“), K. lässt sich nicht wickeln („Mama, neeein!“). T. lümmelt auf dem Bett. („Bin ich müüüde … „). Ich brubbele vor mich hin, jaja, macht doch alle, was ihr wollt, macht ihr doch eh immer. Die Ungerechtigkeit dieser Welt lastet auf meinen armen Schultern.
Ich trete auf einen Plastik-Heckspoiler und muss jetzt echt fast heulen. und das schon um kurz vor acht. Stattdessen wettere ich: „Frühstück jetzt, los!“

08:00 Uhr: „Was möchtest Du essen, Brot oder Cornflakes?“ P. antwortet nicht, sondern turnt auf dem Sofa herum und hinterlässt belustigt Spuckespuren darauf. „Hallo? Lässt Du das bitte mal sein? Was möchtest Du jetzt essen?“ Immer noch keine Antwort. Andere Richtung. „K., was möchtest Du essen?“ Lego Duplo ist spannender. K. baut jetzt ein Haus. Mit einem Pferd auf dem Dach.  „Gut, dann schmiere ich mir jetzt selbst eine … Stulle.“ P. kommt angerannt. Er hört, was ich sage und buhlt jetzt um die Gunst des zuerstgeschmierten Butterbrotes. „Gesalzen!“ Alles klar, Chef.

08.30 Uhr: Geschafft. P. ist im Kindergarten, T. auf dem Weg zur Arbeit. „Mamaa, pieleeeeeen.“ Oh nein, jetzt das. „Mama, jetz Lego pielen.“ Bitte nicht, ich muss doch so viel tun … „Mama muss arbeiten.“ Die Zeit des Einfachnurbauens ist auch beim ihm jetzt übrigens vorbei. „Maamaaaaaaaa!“ Er. Will. Rollenspiele. Seit ein paar Tagen ist es sowieso krass: Entferne ich mich auch nur eine Minute. geht es schon los: „Mama. Mamaaa? Mamaaaaa!“ Was für einen Sprung macht der Kerl eigentlich jetzt wieder?? „Mama, heeertomm‘!“ Okay, ein paar Minuten Spiel, dann Einkaufen und zur Post. Alltagsgedöns erledigen. Hoffentlich schläft K. nachher schön lange, damit ich am Schreibtisch ein bisschen meine Ruhe haben was wegarbeiten kann.

09.30 Uhr: Auf dem Weg zur Bank. Geld abholen. Kein Parkplatz frei, ich parke in der Eile richtig dämlich auf dem Bordstein. Die Radkappe hat sich gelöst. Wütend trete ich sie wieder an den Reifen. Passt. Eine kleine Delle ist geblieben. Ich fluche vor mich hin. Das alles nur, weil die Leute hier wieder alles zuparken. Haben die keine Fahrräder? (Memo an mich selbst: Nächstes Mal wieder mit dem Rad zur Bank.)

09.35 Uhr: Stehe vor dem Geldautomaten, K. will überall drücken (zur Zeit möchte er alles allein machen: zum Beispiel schneiden, kochen und eben drücken, was das Zeug hält). Ich aber will einfach nur Geld abheben, krame die Karte hervor und … oh. Die Versichertenkarte. Wo. Ist. Meine. EC-Karte?!

10:00 Uhr: War bei der Post („Mamaa, ich abgeben!“) und habe die Pfandflaschen abgegeben („Mama, ich abgeben!!“), mich über die Summe gefreut, die dabei zusammenkam. Konnte ein paar Kleinigkeiten davon kaufen. („Ich will Gummibärsen essen.“) Wenigstens kann ich dem Besuch heute Nachmittag etwas anbieten.

11:00 Uhr Wieder zu Hause. Habe meine Karte nicht gefunden und musste sie leider sperren. K. schläft jetzt. Ich sitze am Schreibtisch und bin immer noch müde. Eigentlich bin ich fast immer müde. Ich träume mich zu den Seychellen oder zurück nach Thailand. Ich schaffe ganze zwei Absätze, dann ruft der Herd. Mittagessen vorbereiten.

12:30 Uhr: K. erwacht jammernd. Er hat Hunger. „Mama, mäckt nisch.“ Na danke. Wofür all die Mühen und wertvolle Zeit in der Küche? Aus dem Eintopf fischt er sich nur die Kartoffeln. („Karotte nich!“ – „Das ist Sellerie!“) Immerhin löffelt er den Gemüsesud. Zerkochte, aber noch vorhandene Vitamine. Nimm das, Du … Sohn! Ich krieg‘ Dich doch immer. Hähä.

13.45 Uhr: Wir holen P. aus dem Kindergarten ab. K. will unbedingt mit dem Laufrad fahren. Er kann es erst seit ein paar Tagen (und „können“ ist wirklich etwas euphemistisch formuliert.) „Vorsicht, ein Auto.“ – „K., bleib schön bei mir!“ – „Nicht so weit in der Mitte fahren!“ Die Hundekacke, die sich nach dem kleinen Sturz an K.s Hände heftet, wische ich mit ein paar Blättern weg. Im Kindergarten gibt es ja Wasser. K. schreit. Er hat Angst. „Nein, die Krähe tut Dir nichts. Die krächzt nur. Außerdem bin ich doch da!“ Und ich beschütz‘ Dich. Genau. Na, jedenfalls habe ich jetzt ein paar weniger Nerven und dafür ein paar mehr graue Haare.

15:15 Uhr: Der Besuch ist da. Ein Kindergartenfreund von P. Ein toller kleiner Kerl. Mit seiner Mutter führe ich intensive Gespräche über den bevorstehenden Schulstart der beiden im nächsten August, über die Erschöpfung, die uns Mütter nicht selten übermannt. Äh, überfraut. Über Sensibilitäten und Kuriositäten und Befindlichkeiten unserer Söhne (von denen wir insgesamt fünf haben). Wir beschäftigen uns mit Dingen, die in unserem Leben zu kurz kommen und die wir uns im Alltag immer wieder zurückerobern müssen, weil wir sonst nämlich zu verwahrlosen drohen. K. leistet uns die meiste Zeit am Tisch Gesellschaft, isst Dinkelwaffeln und pupst. Wir lachen alle drei.

20:15 Uhr: Ich bin alle. Die Jungs schlafen tief und fest („Nein, ich will mich noch nicht umziehen.“ – „Nee, ich möchte nicht Zähneputzen.“ – „Erst musst Du uns fangen, Mama!“ – „Eierloch, fang uns doch!“ – „Noch eine Geschichte, Mamaaaa! Bitte, danach ist auch wirklich Schicht im Schacht!“ Bitte, was, Schicht im Schacht??).
Ich habe es mir mit einem Glas Rotwein vor dem Rechner gemütlich gemacht und schreibe. Ach, herrlich. Was liebe ich das. Mein Element: diese Buchstaben. Das Gefühl, wenn die Finger über die Tasten gleiten …
Diese Ruhe. Diese Alleinsamkeit mit mir selbst und den Gedanken. Diese … Hä? Horch? Mist. Moment, gleich geht es weiter, ich muss noch mal kurz zu K.

Leben mit Jungs